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NWZonline.de Region Wesermarsch Kultur

Ein „wenig gekannter Denker“ aus Elsfleth

01.02.2019

Elsfleth Als Wilhelm Heinrich Preuß am 12. Februar 1909 schwer zuckerkrank in Elsfleth starb, habe die Wissenschaft seinem Tod keine Beachtung geschenkt. Erst später sei dem „wenig gekannten Denker von Elsfleth“ größere Bedeutung beigemessen worden, schrieb die Historikerin und Friedensaktivistin Renate Riemeck (1920-2003) in einer Lebenskizze zur Neuveröffentlichung des Buches von Wilhelm Heinrich Preuß „Geist und Stoff“ im Jahr 1980.

Lehrer in Elsfleth

Vor 110 Jahren starb der „große unbekannte Denker“ Wilhelm Heinrich Preuß. Viele Jahre wirkte er als Oberlehrer an der 1832 gegründeten Navigationsschule in Elsfleth. Am 24. März 1870 war er zum Navigationslehrer ernannt worden. In seinem Nachruf stand: „Er gehörte sicher nicht zum Durchschnitt. Er war eine Persönlichkeit voll Wärme und Güte.“ Ein schlichter Stein auf dem Friedhof in Elsfleth erinnerte an den Oberlehrer der Navigationsschule. Seit der Stein vor einigen Jahren einen neuen Platz an der St.-Nicolai-Kirche gefunden hat, gibt es keinen Hinweis mehr auf Wilhelm Heinrich Preuß und Lilly Preuß, geborene Kahle (1850-1930). Der Stein liege verkehrt herum, sagt Elsfleths Stadtführerin Lina Walter. Er müsse aufgerichtet werden, dann käme die Gedenktafel gewiss wieder zum Vorschein.

Ein verehrter Lehrer

Wer war dieser Mann, der nahezu in Vergessenheit geraten ist? In der Beilage zu Nummer 49 der „Nachrichten für Stadt und Land“ vom 19. Februar 1909 erinnerte der Leiter der Navigationsschule, Dr. Hans Möller, an seinen Kollegen und Oberlehrer an der Großherzoglichen Navigationsschule, der Mathematik, Astronomie und Navigation lehrte. Bis zu seinem Tode sei er in dieser Stellung tätig gewesen, heißt es. Unzählige Kapitäne würden dankbar ihres „verehrten Lehrers Preuß, seiner Gewissenhaftigkeit im Unterricht und seines persönlichen Wohlwollens“ gedenken.

Den Oberlehrer habe nicht nur ein großes Herz, das nicht nur dem Mitmenschen, sondern auch der Tierwelt teilnehmendes Interesse entgegenbrachte, eine fruchtbare Fantasie und eine nie zu löschende Lernbegierde sowie ein phänomenales Gedächtnis ausgezeichnet. Als er noch rüstig war, habe es in Elsfleth bei Streitfragen immer geheißen: „Wir wollen Preuß fragen, der weiß alles.“

Großer Wissensdurst

Und er wusste es fast immer. Sein Wissensdurst habe sich nicht an dem Gebiete seines Faches begnügt, heißt es in dem Nachruf. Es habe ihn auch zu Sprachstudien vom Griechischen bis zum Chinesischen getrieben. Dass ein so hoch und weitstrebender Geist auch die letzten Dinge zu ergründen suchte, sei selbstverständlich. Sein Werk „Geist und Stoff“ wolle zugleich eine Entwicklungsgeschichte der Organismen und ein philosophisches Lehrgebäude sein. Es enthalte eine Fülle geistreicher und durchaus selbstständiger Gedanken. Von anderen Schriften seien besonders zu erwähnen „Der vorgeschichtliche Mensch“, ferner „Die materielle Bedeutung des Lebens im Universum“ sowie „Die physische Bedeutung des Menschen im Universum“.

Ruhm erlangt

Über seine philosophischen Bestrebungen habe Wilhelm Heinrich Preuß die nautischen Wissenschaft nicht vernachlässigt. Eine Reihe von Abhandlungen in den Analen der Hydrographie und maritimen Meteorologie legten Zeugnis davon ab, „dass er hier zu den selbstständigen Denkern gehörte“. Ihm bleibe immer der Ruhm, dass er zuerst auf die große Bedeutung der Mercatorfunktion für die Berechnung nicht nur nautischer, sondern überhaupt sphärischer und trigonometrischer Aufgaben hingewiesen habe, so Hans Möller in seinem Nachruf.

Wenig Material

Es sei kompliziert geworden, die Veröffentlichungen aus der Feder von Wilhelm Heinrich Preuß zusammenzutragen, schrieb Renate Riemeck vor gut 20 Jahren. Noch schwieriger sei es, die Spuren seines Lebensganges aufzufinden. Der damals für Elsfleth zuständige NWZ-Redakteur Harald Wedemeyer schrieb im April 1981, dass Wilhelm Heinrich Preuß am 29. September 1843 in Garlsdorf bei Lüneburg als Sohn des dortigen Dorfschulmeisters zur Welt kam. Studien am Lehrerseminar in Lüneburg und an der Universität in Göttingen sowie Anstellungen als Hauslehrer in Bennemühlen bei Hannover, als Lehrer an der Höheren Töchterschule in Winsen an der Luhe und als Lehrer an der Höheren Töchterschule in Vegesack gingen seiner Tätigkeit in Elsfleth voraus. In dem letzten Jahr vor seinem Wechsel nach Elsfleth arbeitete er bei der landwirtschaftlichen Lehranstalt in Herford.

Studien in Göttingen

Bei der Vorbereitung auf seine Studien in Göttingen hatte Wilhelm Heinrich Preuß laut Renate Riemeck erkannt, wie wichtig es war, für ein naturwissenschaftliches Studium sich die Kenntnis der Werke der großen englischen Naturwissenschaftler, vor allem Charles Darwins, in der Originalsprache anzueignen. Er habe daher beschloss, gründlich Englisch zu lernen und dies auf eine Weise getan, die ebenso ungewöhnlich wie charakteristisch für ihn sei. In den Ferien habe er sich einfach vier Wochen lang in sein Zimmer eingeschlossen, wollte niemanden sehen und vertiefte sich in das Erlernen der englischen Sprache, von der er vorher kein Wort gekannt hatte. „Als er sein freiwilliges Gefängnis verließ, konnte er besser Englisch lesen und schreiben als so mancher, der sich jahrelang darum bemüht und Unterricht erhalten hatte“, so die Historikerin. Übungen und Vorlesungen in Mathematik, Experimentalphysik, Elektrizitätslehre und deutsche Geschichte habe er an der Göttinger Georg-August-Universität belegt.

Nähe zu Goethe

Nach den Recherchen von Harald Wedemeyer habe Wilhelm Heinrich Preuß schon bald nach der Aufnahme seiner Arbeit an der Elsflether Navigationsschule ein Gedankengebäude entwickelt. Mehrere Schriften gingen demzufolge seinem gegen den Darwinismus gerichteten Hauptwerk „Geist und Stoff“ voraus. In seinem Buch konzipierte der Oberlehrer eine Naturwisschenschaft, die in einer hypothesefreien Betrachtung die natürlichen, geistigen Ursprünge herausstellt. Das Buch reihe sich ein in die Reihe von Schriften des frühen Goetheanismus – eine im Umfeld der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik gebräuchliche Bezeichnung für eine ganzheitlich orientierte Wissenschaftsmethodik. Der Goetheanismus bildete eine mitteleuropäische Erkenntnisströmung, die in geistiger Nähe zu Goethe, der deutschen Klassik und zum Idealismus stand.

Anlässlich des 110. Todestages von Wilhelm Heinrich Preuß sollte sein Erbe nicht vergessen werden.

Ulrich Schlüter Elsfleth / Redaktion Brake
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