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NWZonline.de Region Wesermarsch Kultur

Roter Baron ist der Sechser im Lotto

11.11.2017

Fedderwardersiel Ein Hummelkolibri misst ausgewachsen ungefähr sechs Zentimeter und ist zwei Gramm leicht. Wer den kleinsten Vogel der Welt skelettieren will, der benötigt extrem ruhige Hände. Ganz andere Fähigkeiten sind gefragt, wenn man bis zu den Knien in dem steht, was Fäulnisbakterien von einem 30 Tonnen schweren Pottwal übrig gelassen haben, und in der stinkenden Masse nach den Knochen fischt.

Werner Beckmann hat beides schon gemacht. Er ist gelernter Präparator. Und stolz drauf. Gegenüber Pottwalen und Hummelkolibris ist die derzeitige Tätigkeit des 65-jährigen aus Münster zwar vergleichsweise unspektakulär. Er ist aber trotzdem mit Spaß und bestens gelaunt bei dem Sache. In einem zur Werkstatt ungebauten Container hinter dem Nationalparkhaus in Fedderwardersiel fertigt Werner Beckmann Präparate für die neue Dauerausstellung.

So wird man Präparator

Wie er Präparator wurde, erzählt Werner Beckmann gerne. Erst muss er aber mal loswerden, warum er eigentlich Roter Baron heißt. Das kam so: Ehe sie mehr in Richtung Grau tendierten, hatte der Westfale rötliche Haare. Rot ist außerdem seine Lieblingsfarbe. Bei der Arbeit trägt er vorzugsweise einen knallroten Overall. Und bei Konzerten mit seiner Band, der Soulfamily, hat er fast immer eine rote Mütze auf dem Kopf. Irgendwann sagte irgendwer: „Guck mal, der sieht aus wieder Rote Baron.“ Werner Beckmann fand, dass das ein prima Spitzname für ihn sei. Und seit dem nennt er sich so.

Nun sitzt er also im Container hinterm Nationalparkhaus, der Rote Baron, und bastelt an Strandastern und Quellern. Die sollen später einmal in Dioramen die Blicke der Museumsbesucher auf sich ziehen.

Es hätte auch ganz anders kommen können. Ein Berufsberater hatte vor vielen, vielen Jahren befunden, dass es das Beste für Werner Beckmann wäre, wenn er Automechaniker würde. Das sah der junge Mann, dessen Vater im Westfälischen eine Wassermühle betrieb, der die Natur liebt, kreativ ist, gar nicht so.

Eine Bekannte verhalf ihm zu einem Praktikumsplatz bei einem Präparator, der vor allem Trophäen für Jäger fertigte. So etwas bezeichnet Werner Beckmann heute als „abartig“. Damals machte er sich aber mit so viel Eifer über eine Wanne voller Rehköpfen her, dass ihm sein Chef eine Lehrstelle anbot. Am 1. August 1967 trat er sie an. Seine Prüfung legte Werner Beckmann drei Jahre später am Museum für Naturkunde in Münster ab. Sein Wunsch war es, statt weiter bei einem privaten Präparator in einem Museum zu arbeiten. Der sollte in Erfüllung gehen; wenn auch über einen kleinen Umweg.

Werner Beckmann bekam das Angebot, an der Pädagogischen Hochschule in Münster anzufangen. Sein Dienstort war dabei das Naturkundemuseum. Zu dem wechselte er am 1. April 1976 endgültig. 1992 wurde er stellvertretender Werkstattleiter des Museums, 1997 rückte er auf den Chefposten auf. Auf dem saß er bis zur Pensionierung im März dieses Jahres.

Pottwal und Gorilla

Für Friederike Ehn und Dr. Anika Seyfferth war es wie ein Sechser im Lotto, dass Werner Beckmann gerade jetzt Ruheständler geworden ist, als solcher aber keineswegs das Präparieren sein lassen will. Die beiden Leiterinnen des Nationalparkhauses kennen den Roten Baron noch aus ihrer Zeit am Naturkundemuseum in Münster. Und er war ihr absoluter Wunschkandidat, als es darum ging, einen Präparator für die neue Dauerausstellung zu gewinnen.

So viele gibt es davon nicht in Deutschland. „500 vielleicht“, schätzt Werner Beckmann. Sie sind an Museen eingesetzt, an Hochschulen, in der Gerichtsmedizin. Der Münsteraner ist auf die Fachgebiete Zoologie und Botanik spezialisiert, hat abertausende Präparate angefertigt. Und zwischen dem winzigen Kolibri am einen und dem riesigen Pottwal am anderen Ende des Spektrums war so ziemlich alles dabei, was die Natur zu bieten hat.

Die 2015 im Zoo von Münster verblichene Gorilla-Dame Fatima zum Beispiel. Um sie zu präparieren und für die Nachwelt zu erhalten, musste er ihr die Gesichtshaut vom Schädel abziehen und ihr einen neuen Skalp aus Dachshaar fertigen. Die Knochen des Pottwals, der 2011 vor Pellworm gestrandet war, drapierte Werner Beckmann im Münster in Museum für eine Ausstellung zunächst so, als seien sie auf den Meeresboden gesunken. Später puzzelte er sie wieder zu einem kompletten Skelett zusammen.

Werner Beckmann versteht sich als Bewahrer und als Aufklärer. „Wenn ich ein Tier präpariere, dann mache ich es immer so als wäre es das letzte seiner Art“, sagt er. Und das hat viel mit Respekt zu tun. Mit Respekt vor der Natur.

Improvisationstalent

Knapp 60 Präparate sind im Nationalparkhaus in Fedderwardersiel vorhanden. Etliche werden in der künftigen Dauerausstellung wieder auftauchen; viele muss Werner Beckmann neu machen – darunter einen durchs Wasser schwimmenden Seehund.

Dafür braucht er, was er in seinem Beruf schon immer brauchte: Geschick, anatomische Kenntnisse, das Wissen über geeignete Materialein. Und etwas, das er auch in die Waagschale wirft, wenn er in der Soulfamily das Saxofon bläst: eine Menge Improvisationstalent.

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Museum für Naturkunde