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NWZonline.de Region Wesermarsch Kultur

Von der Werkbank in die Kanzel

24.08.2019

Moorriem Den Schreibtisch ihres verstorbenen Vaters Wilfried Rahner hat Annette-Christine Lenk schon mit nach Moorriem gebracht. Das Erbstück steht im Wohnzimmer des Pfarrhauses, das auf eine Terrasse führt mit Blick in den hinteren Teil des Pastorengartens der evangelischen Kirchengemeinde Bardenfleth. Noch ist im Haus zwar einiges zu tun. Aber die neue Pfarrerin richtet sich ein. Annette-Christine Lenk ist bereit für ihre neue Aufgabe.

An diesem Sonntag, 25. August, wird die gebürtige Berlinerin, Jahrgang 1960, durch den amtierenden Kreispfarrer Jochen Dallas in ihr Amt als Pfarrerin in den Kirchengemeinden Altenhuntorf, Bardenfleth, Neuenbrok und im Kirchenkreis Wesermarsch eingeführt. Der Festgottesdienst in der St.-Anna-Kirche Bardenfleth beginnt um 14 Uhr. Anschließend gibt es einen Empfang auf dem Pfarrhof.

Eine Befreiung

Annette-Christine Lenk freut sich auf die Gemeinde. „Das Pfarramt ist wie eine Befreiung für mich“, sagt die 59-Jährige, die zuvor ab 2009 zehn Jahre lang als Theologische Oberkirchenrätin der evangelisch-lutherischen Kirche in Oldenburg das Dezernat Gemeinde- und Pfarrdienst leitete. Die Kirchengemeinden in Moorriem sind ihr daher vertraut. Sie ist nun erleichtert über die Zäsur, blickt selbstkritisch auf die zurückliegende Dekade, in der sie nach eigenen Worten gefangen war. Dass sie nicht wiedergewählt wurde, empfindet sie als Erleichterung. „Ich kann jetzt mit den Menschen vor Ort gestalten. Ich bin frei“, sagt sie. „Was kann und muss die Kirche in der Gesellschaft tun“, fragt sich die Pfarrerin und gibt eine Erläuterung: „Immer nur gemeinsam mit Menschen etwas bewegen.“

Annette-Christine Lenk ist eine Pfarrerstochter. Aufgewachsen in der DDR sei es ihr nicht vergönnt gewesen, ein normales Abitur abzulegen. Sie schaffte es dennoch über den Umweg einer Berufsausbildung. Sie wurde Facharbeiterin für Elektrotechnik, arbeitete als Elektrikerin im Stahlwerk Hennigsdorf und schaffte 1979 ihr Abitur. „Es hat mir Spaß gemacht, im Stahlwerk zu arbeiten“, erzählt sie rückblickend. Sie wisse, was ein Acht-Stunden-Tag bedeute. Man müsse bei allem ehrenamtlichen Engagement der Menschen daher darauf achten, deren Ressourcen nicht auszunutzen. Der Berufsalltag sei schon schwer genug.

Im Alter von 19 Jahren traf Annette-Christine Lenk die Entscheidung, die ihr Leben bereichern und umkrempeln sollte. Den Beruf ihrer Eltern – auch ihre Mutter wurde Pastorin – wollte sie nie ergreifen. „Ich wollte Ärztin werden.“ Weil sie keiner Massenorganisation der SED angehörte, kam es nicht dazu. Das war eine bittere Erfahrung. An dem Tag, an dem sie sich dann für das Studium der Elektrotechnik in Wismar einschreiben wollte, entschied sie sich spontan um, fuhr nach Berlin und schrieb sich an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität ein. Den Satz ihres Vaters als Reaktion darauf vergisst Annette-Christine Lenk nicht: „Den Glauben zum Beruf zu machen ist die größte Herausforderung, die es gibt.“ Das war im Jahr ihres Abiturs.

Ein geschützter Raum

Seelsorge braucht einen geschützten Raum, sagt die Pastorin. Diesen Raum gab es auch in der Deutschen Demokratischen Republik. „Es gab Denkfreiheit. Man musste sich die Räume suchen“, merkt sie an. Ihre Devise lautet: „Geht nicht, gibt’s nicht.“

Ein einschneidendes Erlebnis für sie war die Ausbürgerung des DDR-Liedermachers Wolf Biermann, dessen Lieder sie kannte und mitsang. Er hatte 1976 ein Visum für eine Tournee durch die Bundesrepublik erhalten. In Köln fand am 13. November 1976 das erste Konzert statt. Drei Tage später beschloss das Politbüro des Zentralkomitees der SED seine Ausbürgerung aus der DDR. Der Grund: Das Programm in der Bundesrepublik richte sich gegen die DDR und den Sozialismus.

Annette-Christine Lenk hat das Konzert live mitgeschnitten. Sie war damals 16 Jahre alt und schaute Westfernsehen. „Du darfst dich nicht verbiegen“, sagt sie heute rückblickend. Glaube und Zweifel gehören für Annette-Christine Lenk zusammen. Kirche müsse eine Keimzelle für Veränderungen sein. „Man muss in die Häuser und in die Ställe gehen, man muss die Leute entdecken“, sagt sie.

Und das tut sie. Annette-Christine Lenk legte 1985 das Erste theologische Examen in Berlin ab. Von 1985 bis 1987 war sie Vikarin in Berlin-Brandenburg. 1987 wurde sie ordiniert. Sie engagierte sich im Neuen Forum und fragte sich, wie man eine Gesellschaft verändern könne. Es folgten weitere Stationen: Von 1987 bis 1995 war sie mit je einer halben Stelle Pfarrerin in Neukirchen, Delitz am Berge und Dörstewitz sowie Studentenpfarrerin an der Technischen Hochschule Merseburg. Von 1990 bis 1994 war sie zudem stellvertretende Bürgermeisterin in Hohenweiden im Saalekreis. In den Jahren von 1995 bis 1997 war sie mit je einer halben Stelle amtierende Superintendentin und Gemeindepfarrerin in Merseburg und von 1998 bis 2009 Superintendentin des evangelischen Kirchenkreises Merseburg der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Eine Rose im Haus

Annette-Christine Lenks Blick schweift hin und wieder zurück in die Zeit vor dem Mauerfall. Während des Studiums war sie in einem Friedenskreis in Pankow aktiv, verbrachte 1981 eine Nacht im Stasi-Gefängnis. Man müsse es wertschätzen, wie gut es den Menschen hierzulande geht, merkt sie an. In der DDR, so sagt sie, war manches bescheiden. Im Osten habe es beispielsweise kaum Schnittblumen gegeben, erzählt sie. Ganz abgesehen von der Meinungsfreiheit. In ihrem Haus habe sie jetzt immer eine frische Rose, diesen Tick gönne sie sich. Auch sei sie glücklich darüber, täglich eine unabhängige Zeitung kaufen zu können.

Annette-Christine Lenk ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne sowie zwei Töchter, die noch in Oldenburg zur Schule gehen. Die neue Pfarrerin freut sich jetzt auf Sonntag und auf das Fest mit der Gemeinde.

Ulrich Schlüter Elsfleth / Redaktion Brake
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