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NWZonline.de Region Wesermarsch Kultur

Dieser Gott kennt keine Verwandten

15.01.2020

Nordenham Das Publikum ist dankbar, als sich Annette über Véroniques wertvolle Kunstbücher erbricht und damit das Steuer vom spröden Drama in Richtung Komödie herumreißt. Endlich gibt es etwas zu Lachen. So könnte es bleiben. Doch dann wäre „Der Gott des Gemetzels“ nicht das berühmte Theaterstück, das es eben ist, sondern nur eine dieser üblichen Boulevardkomödien, in denen Türen auf und zu gehen und Beinahekatastrophen passieren. Hier gibt es keine Türen, dafür aber jede Menge Katastrophen. Und die Landesbühne Nord aus Wilhelmshaven setzt sie am Montagabend beim Gastspiel in der Friedeburg hervorragend in Szene.

Nach dem kleinen, durchaus wohltuenden Schlenker in Richtung Brachialkomik kehren die vier Protagonisten rasch zu ihrer alten Form zurück, sticheln und ätzen, ergehen sich in Wortklaubereien und Spitzfindigkeiten – so lange, bis jedem die Maske vom Gesicht gerissen ist. Die Fassade war netter. Aber wer will schon nett?

Jasmina Rezas entlarvendes Stück, das im Dezember 2006 in Zürich seine Uraufführung erlebte, 2011 von Roman Polanski mit Starbesetzung verfilmt wurde und heute schon fast als Klassiker gilt, dreht sich um zwei Paare, die sich treffen, weil der Sohn der einen dem Sohn der anderen mit einem Stock zwei Schneidezähne ausgeschlagen hat. Sie wollen die Angelegenheit in einem klärenden Gespräch bereinigen. Aber da hat auch noch der Gott des Gemetzels ein Wörtchen mitzureden. Und der kennt keine Gnade und keine Verwandten.

Véronique und Michel Houillé auf der einen und Annette und Alain Reille auf der anderen Seite passen so wenig zusammen wie die Äpfel und die Birnen auf dem Clafoutis, das Véronique serviert. Die Atmosphäre ist von Anfang an genau so unterkühlt wie das postmoderne, weiß möblierte Wohnzimmer der Houillés, in dem das Stück spielt.

Das mit der Kälte erledigt sich, als der Gott des Gemetzels warm läuft, Fassaden Risse bekommen, Wohlstandskartenhäuser zusammenbrechen und die Verbalschlachten mit wechselnden Frontverläufen und Allianzen immer groteskere Züge annehmen. Als die Bücher vollgekotzt sind, geht es längst nicht mehr nur Houillé gegen Reille. Es geht jeder gegen jeden.

Weltverbesserin Véronique erlebt den schlimmsten Tag ihres Leben, als ihr Michel, bis eben noch ein Zopf tragender Softie, sich selbst als „cholerisches Arschloch“ bezeichnet und sich auch so benimmt. Die hysterische Annette dreht durch, weil quasi im Minutentakt das Handy ihres Mannes Alain brummt und der, indem er jedes Mal rangeht, keinen Zweifel daran lässt, dass ihm das ganze Erziehungsgelaber sowieso komplett am Allerwertesten vorbeigeht.

Am Schluss landet das Mobiltelefon im Tulpenwasser, und die Tulpen selbst enden zerschreddert auf dem Bühnenboden. Ein schönes Symbol dafür, was in den zurückliegenden anderthalb Stunden alles kaputtgegangen ist.

Äußerst kurzweilige 90 Minuten sind es, obwohl „Der Gott des Gemetzels“ klassisches Kammerspiel ist. Action gibt es so gut wie keine, Statisten und wechselnde Bühnenbilder auch nicht. Jasmina Rezas Stück lebt alleine von seinen Dialogen. Und dass die sogar in der nüchternen Atmosphäre der Mehrzweckhalle Friedeburg ihre Wirkung entfalten, spricht sehr für die Akteure auf der Bühne.

Aida-Ira El-Eslambouly und Sven Heiß als Annette und Alain sowie Ramona Marx und Aom Flury als Véronique und Michel spielen eindringlich und machen ihre Sache hervorragend. Regisseurin Krystyn Tuschhoff hat das Stück äußerst sorgfältig inszeniert und dabei offensichtlich auf noch das kleinste Detail Wert gelegt. Das Publikum in der leider nicht mal zur Hälfte gefüllten Friedeburg dankt es mit lang anhaltendem Beifall.

Detlef Glückselig Butjadingen / Redaktion Nordenham
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