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NWZonline.de Region Wesermarsch Kultur

Wie das Blau in die Kirche zurückkehrt

23.11.2019

Rodenkirchen Als das reiche Rodenkirchen mitten im 30-jährigen Krieg seine Kirche neu ausstattete, sparte es an fast nichts. Meister Ludwig Münstermann fertigte in Hamburg Altar, Kanzel und die weitere sakrale Ausstattung. Nur für eines gaben die Auftraggeber kein Geld aus: Ultramarinblau.

Denn die Farbe Ultramarinblau war auch ultrateuer: Sie wurde seit dem Mittelalter aus dem Halbedelstein Lapislazuli in nicht weniger als 49 Einzelschritten hergestellt. Albrecht Dürer wog sie mit Gold auf.

Der Holzbildhauer Ludwig Münstermann dagegen fasste sie erst gar nicht an. Er ließ seine Schnitzereien holzsichtig und fügte etwas rötliche Lasur hinzu, erläutert Uwe Pleninger. Seit zweieinhalb Jahren legt er frühere Farbschichten von Wangen und Türen der Sitzreihen frei und restauriert sie aufwendig. Anfang Dezember will er die Arbeiten abschließen.

Blau wird billig

Erst ab etwa 1720 – Münstermann war schon 80 Jahre tot – erblaute die Kirche, sagt Uwe Pleninger weiter. Der Orgelprospekt, der Altar, die Kanzel und auch die Sitzreihen nahmen die zuvor unerschwinglich teure Farbe an. Denn das Berliner Blau war erfunden worden, ein künstliches Farbpigment, nicht Ultramarin, aber doch hochpreisig wirkend. Tatsächlich war es im Vergleich zum mittelalterlichen Ultramarin spottbillig.

Jetzt ist das Berliner Blau in der St.-Matthäus-Kirche wieder zu sehen, genau wie Münstermanns rote Lasur und das künstliche Ultramarin, das vor knapp 200 Jahren aufkam.

Jeweils zwölf Türen und Wangen werden restauriert. 2017 hatte Pleninger die ersten sechs bearbeitet, seit Jahresanfang folgen sechs weitere. Mehr sollen es nicht werden, sagt Rolf Oellerich, der Ehrenvorsitzende des Kirchbauvereins, „weil es sonst in der Kirche zu unruhig wird.“

Uwe Pleninger hat viel Freude an seinem Auftrag, denn an Sitzbänken hat der Restaurator bisher noch nicht gearbeitet. „Ich komme mir vor wie bei einer archäologischen Grabung“, sagt er mit seinem schwäbischen Akzent. Nur dass die Schichten, die er freiräumt, viel dünner sind: zwischen einem Millimeter und einem hundertstel Millimeter.

Die millimeterdicken Schichten geht er mit seinem Zahnarztbohrer an, den er wie einen Radierer benutzt. Für die dünnen Schichten hat er seine Pinzette dabei. Mit der fasst er einen Wattebausch, taucht ihn in Lösungsmittel und legt die gewünschte Schicht frei.

Etwa zwei Tage braucht er dafür, einen weiteren Tag investiert er in die Restaurierung. Dafür nutzt er traditionelle Ölharzfarben, die lange halten und Schimmel verhindern, aber auch viel Zeit zum Trocknen brauchen und deshalb im modernen Bau nicht mehr eingesetzt werden.

Uwe Pleninger legt im Lichtstrahl seiner Stirnlampe mit Zahnarztbohrer, Pinzette und Wattebausch ein Stückchen Sittengeschichte nach dem anderen frei. Zu Anfang waren die Sitzreihen enger und die Rückenlehnen steiler, denn die Menschen waren kleiner und die Kirche war voller. Unter der Orgelempore sind solche Sitzreihen noch heute zu sehen. Von Anfang an waren die Sitzbänke Familien zugeordnet, die diesen Anspruch an den Türen und Wangen deutlich machten – und auch vererbten. Zunächst waren es Schnitzereien, später dann Malereien oder eine Kombination aus beidem.

Weil sich die Kunst des Lesens verbreitete, schrieben Familien auch ihre Namen an die Türen zu ihren Sitzreihen – „TIORCK VMMEN VND SINE ERBEN STUL“ zum Beispiel, also die Sitzreihe von Tjorck Ummen und seinen Erben.

Namen ausradiert

Auch die Rückenlehnen waren bemalt und mit Namen einzelnen Familienmitglieder versehen. Gelegentlich wurden auch Namen mit dem Schnitzmesser ausradiert. „Was die wohl ausgefressen hatten?“, fragt sich Uwe Pleninger lachend. Restauriert werden die Lehnen nicht – das erfordert zu viel Pflege.

Um einige Sitzbänke gab es lange Auseinandersetzungen, von denen die Kirchenbücher berichten, ergänzt Friedrich Lübben, der Vorsitzende des Kirchbauvereins.

Doch die Zeiten änderten sich, und mit ihnen die Familien. Irgendwann waren einige Sitzreihen überfüllt, während auf anderen nur noch eine Person saß. Auch die Abschaffung der Monarchie 1918 mag mit dazu beigetragen haben, dass das Vererben von Sitzen nicht mehr als zeitgemäß betrachtet wurde. Deshalb beschloss die Kirchengemeinde Rodenkirchen in den 1930er Jahren, das Gestühl weiß anzumalen und damit jeden Hinweis auf die alten Familien zu tilgen. Bald verblasste auch die Erinnerung.

In den 70er Jahren ersetzten die Kirchengemeinde das Weiß durch einen warmen Blauton. Und jetzt kehrt, mit Genehmigung des Oberkirchenrates, aus fast jeder Epoche ein Stück Geschichte zurück.

Henning Bielefeld Stadland und stv. Leitung Redaktion Nordenham / Redaktion Nordenham
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