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„gezeiten“: Vom unaufhaltsamen Gang der Zeit

29.09.2015

Seeverns Das Licht der untergehenden Sonne und die Landschaft rings um die Hochzeitsscheune in Seeverns verweisen bereits mit vielen Herbsterscheinungen auf das Vergehen der Natur – und damit auf die Veränderungen in der Zeit. Die Scheune ist stimmungsvoll dekoriert, Kerzen illuminieren den Raum. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. „19.35 Uhr. Es ist Zeit.“ Vor fast ausverkauften Stuhlreihen begrüßt Klaus Trolldenier vom Arbeitskreis „Gezeiten“ die Akteurin des Abends: Sylva Springer. Zeit ist das Thema ihres Programms, das einen Beitrag zu den 30. Butjadinger Kunst- und Kulturwochen darstellt.

Sylva Springer spannt mit ihrer Darbietung einen weiten Bogen durch die Zeit – vom Buch der Prediger des Alten Testaments bis zu Texten und Liedern von Erich Kästner, Wolfgang Borchert und Herman van Veen. Es sollte ein literarischer Abend zum Thema Zeit werden. Aber die Gäste werden nicht nur mit einer gediegenen Auswahl von Gedichten und Erzählungen und der Vortragskunst Sylva Springers nachdenklich gestimmt. Neben den Ohren bekommen bei pantomimisch gespielten Alltagsszenen, bei ausdrucksstarken Standbildern und tänzerischen Einlagen auch die Augen ihren Schmaus.

Zu Beginn des Abends nimmt eine Fülle rezitierter Redensarten zum Thema Zeit, begleitet von den enervierenden Schlägen eines Uhrpendels, die Aufmerksamkeit der Zuschauer in Anspruch.

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Halten und Loslassen

So könnte es unendlich weitergehen, aber schon tanzt Sylva Springer aus dem Off auf die Bühne und zeigt in ausdrucksstarken Bewegungen die Vielfalt menschlicher Erfahrungen, die im unaufhaltsamen Gang der Zeit unsere Erfahrung prägen: Geben und Nehmen, Halten und Loslassen, Erhöhen und Sinken, Glück und Unglück, Gewinnen und Verlieren, Freude und Trauer, das Drehen um sich selbst und um die anderen. Vertiefung erfahren diese Bilder in den vorgetragenen Texten von Gryphius, Hofmannsthal, Morgenstern, Kästner und anderen Autoren – kaum eine Epoche, die vom Zeiterleben unberührt geblieben ist und sich nicht mit dem Zeitempfinden auseinandergesetzt hat.

Durchbrochen wird diese Tiefe der Text-Rezitation von alltagskomischen Situationen des Zeiterlebens, die Sylva Springer pantomimisch vorführt. So sieht man zum Beispiel eine slapstickartige Verabredungssituation: Sie wartet ungeduldig auf ihn, wird immer nervöser, ärgerlicher; schließlich kommt er, frei von Schuldbewusstsein, selbstgefällig, hat sich beim Treffen mit einem Kumpel aufgehalten, noch einen Bierchen getrunken, sie soll sich nicht so haben. Das ist pantomimische Darstellungskunst, die den Zuschauern auch eine Begegnung mit sich selbst ermöglicht – und sie gerade deshalb erheitert.

Zeiger stehen still

Nach der Pause folgen Erzählungen von Michael Ende („Momo“), Mark Twain und Wolfgang Borchert („Die Küchenuhr“). Immer ist unser Leben, unser Erleben in und mit der Zeit verstrickt. Das macht der Abend mit Sylva Springer deutlich. Unser Zeitempfinden und unser Versuch, Zeit mit Hilfe der Uhr zu messen, kommen dabei kaum zur Deckung.

Am Ende zeigt das Messingziffernblatt der an der Innenseite des Scheunentors angebrachten Uhr zehn nach neun – genau wie zu Beginn des Abends. Die Zeit ist nicht oder wie im Fluge vergangen. Was für ein nachdenklich stimmender, kritischer, heiter-komischer, vor allem aber kurzweiliger Abend – ausgerechnet zum Thema Zeit.

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