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NWZonline.de Region Wesermarsch Kultur

Zeitgeschichte mit ganz persönlicher Note

14.05.2009

NORDENHAM Der Spannungsbogen einer Textdokumentation hält sich meistens in Grenzen. Und wenn im Untertitel auch noch „Ein Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des Oldenburger Bürgertums in der Zeit des Nationalsozialismus“ steht, stellt sich der Leser auf eine trockene Lektüre ein. Aber diese Einschätzung trifft im Fall des Buches von Andreas Vonderach, das der Rüstringer Heimatbund jetzt herausgegeben hat, ganz und gar nicht zu. Denn diese Dokumentation ist höchst lebendig und interessant, weil sie ein dramatisches Kapitel der Zeitgeschichte anhand privater Briefwechsel beschreibt. Unter der Überschrift „Von Ellwürden nach Hampstead“ wird das Leben der Emigrantin Anneliese Bulling nachgezeichnet, die 1935 mit ihrem jüdischen Lebensgefährten Erwin Gutkind nach Großbritannien ausgewandert war.

Zweite Jahresgabe

Der Rüstringer Heimatbund hat das Buch als zweite Jahresgabe für seine Mitglieder drucken lassen – neben einer Chronik über Blexen. Den Sonderband konnte sich der Verein nur dank einer finanziellen Zuwendung erlauben, mit der die in Bremen lebenden Verwandten von Anneliese Bulling das Vorhaben unterstützten. Als der Heimatbund-Vorsitzende Hans-Rudolf Mengers und der Autor Andreas Vonderach das Buch am Mittwoch im Nordenham-Museum vorstellten, waren die Gönner anwesend. Darunter auch die 92-jährige Dr. Marianne Bulling, die ihre persönlichen Erinnerungen an die Cousine zweiten Grades schilderte.

Andreas Vonderach war im Oldenburger Stadtmuseum auf die rund 4200 Briefe und Postkarten gestoßen, die Anneliese Bulling dem Museum 1984 überlassen hatte. Er ordnete den Schriftwechsel, der sich von 1916 bis in die 70er Jahre erstreckt. Dabei reifte die Idee, einige der Briefe zu einem Buch mit begleitenden Texten zusammenzufassen. Dafür wählte der Oldenburger Historiker die Zeitspanne von 1929 bis 1949, so dass der Bogen von der Endphase der Weimarer Republik über die Nazi-Diktatur bis zur Nachkriegszeit reicht.

Das Besondere dieser Dokumentation sind die Authentizität und die Nähe zum alltäglichen Geschehen. Die Empfindungen und Gedanken in den Briefen lassen die große Politik aus jener Zeit in einem ganz anderen Licht erscheinen. „In der Welt sieht es verdammt bedrohlich aus!“, schreibt Anneliese Bulling im November 1936.

Am 21. April 1894 kommt Anneliese Bulling in Ellwürden zur Welt. Ihre Eltern sind Heinrich Bulling (1858-1940) und Anna Buling (1867-1955), geborene Umbsen. Der Vater hat es als Autionator, Bankier und Grundbesitzer zu Wohlstand gebracht. Als Nesthäkchen – ihr Bruder Karl und ihre Schwester Elisabeth sind 13 beziehungsweise 11 Jahre älter – verbringt Anneliese Bulling in Ellwürden eine unbeschwerte Kindheit. Sie besucht zunächst die Volksschule in Abbehausen und bis 1917 die Nordenhamer Realschule. 1922 heiratet Anneliese Bulling den Bremer Getreide-Importeur Friedrich Addicks. Doch die Ehe steht unter keinem guten Stern. 1926 verlässt sie ihren Mann und findet in München eine Beschäftigung in der Kunsthandlung Goltz. Dabei entsteht ihr Wunsch, Kunstgeschichte in Berlin zu studieren.

Studium in Berlin

1927 schreibt Anneliese Bulling sich an der Friedrich-Wilhelm-Universität, der heutigen Humbold-Universität, ein und bezieht ein Zimmer in Berlin-Lichterfelde. Neben Kunstgeschichte studiert sie auch Sinologie und promoviert in chinesischer Architektur. In Berlin lernt die Ellwürderin den Architekten und Stadtplaner Erwin Anton Gutkind kennen, der aufgrund seines jüdischen Glaubens vor den Nazis fliehen muss.

1935 emigrieren die beiden nach England und lassen sich in Hampstead nieder. Als Erwin Gutkind 1956 ein Angebot von der Universität Philadelphia erhält, heiratet sie ihn und zieht mit ihrem Mann in die USA. Am 9. Februar 2004 stirbt Anneliese Bulling im Alter von 103 Jahren in einem Pflegeheim in Philadelphia. Edwin Gutkind ist bereits seit 1968 tot.

Die Jahresgabe erhalten alle rund 1600 Mitglieder des Rüstringer Heimatbundes kostenlos. Im Buchhandel ist die 176 Seiten umfassende Dokumentation zum Preis von 12,80 Euro zu bekommen. „Von Ellwürden nach Hampstead“ ist der 47. Band in der Rüstringer Bibliothek. Die ISBN-Nummer lautet 978-3-00-027620-0.

Das Titelbild zeigt Anneliese Bullings 1845 errichtetes Elternhaus in Ellwürden. Die farbige Zeichnung, die sich jetzt im Besitz des Stadtmuseums Oldenburg befindet, hat Bernhard Winter 1919 angefertigt. Als Anneliese Bullings Vater 1936 den Ruhestand antrat, zogen die Eltern nach Oldenburg und verkauften ihr Haus. In dem Gebäude an der Butjadinger Straße 5 wohnt seit 1942 die Familie Schröder.

Norbert Hartfil
Redaktionsleitung Nordenham
Redaktion Nordenham
Tel:
04731 9988 2201

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