Mürrwarden - Die Tour de France 2021 endet an diesem Sonntag in Paris. Bevor der Sieger der prestigeträchtigsten Radrundfahrt gekrönt wird, müssen die Fahrer an diesem Samstag noch ihre Stärke in einem Einzelzeitfahren zeigen. Sebastian Renken aus Mürrwarden ist Spezialist im Zeitfahren. In diesem Jahr belegte er Platz drei bei der Landesverbandsmeisterschaft in Pattensen. Im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt er, worauf es für ihn als Fahrer ankäme, wenn er die 30,8 Kilometer zwischen Libourne und Saint-Emilion bestreiten müsste.
Der Grundgedanke
Einem Grundsatz werde alles untergeordnet. „Wer an einem Zeitfahren teilnimmt, muss sich grundsätzlich mit dem Thema Aerodynamik auseinandersetzen“, sagt er. „Schließlich fährt man alleine gegen den Wind, da gilt es diesem möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.“
Aus diesem Grund sei ein Zeitfahrrad mit schmaleren Rohren und Streben ausgestattet als vergleichbare Rennräder. Die Position auf dem Zeitfahrrad werde vom Weltverband UCI weitestgehend festgelegt. Zum Beispiel muss laut Renken der Sattel mindestens fünf Zentimeter hinterm Tretlager liegen, und das vordere Lenkerende darf auf maximal 80 Zentimeter vorm Tretlager eingestellt werden.
In einem Zeitfahren ist auch die Kleidung der Sportlerinnen und Sportler wichtig. Der Helm sollte eine aerodynamische Form haben, das Visier komplett verkleidet sein, sagt Sebastian Renken. Der hintere Teil des Helms läuft bestenfalls spitz zusammen. „Aber das hängt auch vom Geschmack des Fahrers ab“, sagt Renken.
Zeitfahrer fahren im Idealfall mit einem Einteiler. Die Grundregel laute: „Wenn etwas flattert, ist das schlecht“, sagt Renken. Das Trikot dürfe keine Taschen haben. Die Nähte müssten optimal anliegen. Mittlerweile gebe es viele Hersteller für Einteiler, die mit Wabenstrukturen und Streifen auf der Oberfläche arbeiten. Nach Tests im Windkanal strömt der Fahrtwind so gradliniger am Körper vorbei.
Selbst die Socken haben eine große Bedeutung: „Im Zeitfahren zieht man sie so hoch es geht“, sagt Renken. „Das bringt dann auch noch zwei, drei Watt.“ Im Zeitfahren wird eben nichts dem Zufall überlassen.
Die Haltung
Die liegende Haltung auf dem Rad bringe im Vergleich zur Haltung auf einem normalen Rennrad das größte Einsparpotenzial in Bezug auf die Aerodynamik, sagt Renken. „Entscheidend ist dabei die vordere Angriffsfläche.“ Der Kopf hänge idealerweise direkt über den Armen, so dass der Fahrer gerade noch auf die Straße schauen könne.
Der Fahrer versuche, die Arme schräg anzustellen und die Schultern zusammenzuziehen. „Um die ideale Position zu finden, muss ein Fahrer viel ausprobieren. Im besten Fall begibt er sich dafür – so wie die Profis – in einen Windkanal“, sagt Renken. Aber das sei teuer, meint er.
Die Wattmussung
Während des Trainings und eines Rennens sei es wichtig, die Wattwerte im Blick zu behalten. Sie dienen der Trainingssteuerung und im Zeitfahren der Überwachung. „Schließlich will ich ja nicht überdrehen.“
Je mehr Erfahrung ein Fahrer habe, desto besser könne er sich und seine Leistung einschätzen, sagt Renken. Er könne zum Beispiel im Wettkampf bis zu 30 Minuten lang 340 Watt treten, sagt er. Mit Hilfe von Leistungstests werden laut Renken die so genannte anaerobe Schwelle bestimmt und Leistungs- und Ermüdungsprofile erstellt. Anhand der anaeroben Schwelle werden dann die Trainingsbereiche eingeteilt.
„Im Verlauf des Jahres steigt sie durch das Training an. Schieße ich im Rennen zu weit darüber hinaus, kann ich das Tempo nicht bis zum Ende halten, die Muskeln übersäuern, und der Ofen ist schnell aus“, erzählt Renken.
Zudem gibt er zu bedenken, dass diese Werte immer individuelle Werte seien. „Es macht ja schließlich einen großen Unterschied, ob ich 70 Kilogramm oder 100 Kilogramm wiege. Daher vergleichen sich Radsportler mit der Einheit Watt pro Kilogramm Körpergewicht.“
Die Schaltung
Geschaltet wird heutzutage meistens elektronisch. „Es gibt immer weniger mechanische Schalthebel“, sagt Renken. „Die Station funkt das Signal weg. Ich schalte damit deutlicher präziser.“ Der größte Gang habe eine Übersetzung von 55 Zähnen auf dem Kettenblatt und elf auf dem Ritzel.
Die Räder
Das hintere Rad ist nach Renkens Worten ein Scheibenrad. „Damit werden Luftverwirbelungen verhindert“, erklärt er. „Wenn der Wind schräg von hinten kommt, funktioniert dieses Rad sogar wie ein Segel und bringt Schub nach vorne.“
Das Vorderrad dürfe zwar nicht als Scheibe gefahren werden, habe aber eine Felgenhöhe von 80 Millimetern und erziele damit einen ähnlichen Effekt. „Allerdings ist das Rad so auch deutlich anfälliger für Seitenwind und damit schwerer zu beherrschen“, sagt Renken.
