Sollte das Stadtgebiet Entwicklungszone werden? Dazu Fragen an Hendrik Lübben aus dem Stadtteil Abbehausen. Er ist Vize-Vorsitzender des Kreislandvolkverbandes.

Im Frühjahr vergangenen Jahres gab es in Nordenham heftige Kontroversen darüber, ob die Stadt eine Entwicklungszone für das Unesco-Biosphärenreservat Niedersächsisches Wattenmeer werden soll. Sie haben damals erhebliche Einwände der Landwirtschaft geltend gemacht. Das Thema schien dann im Sommer und Herbst eingeschlafen. Nun aber soll und will die Stadt bis 31. März entscheiden. Sie finden es gar nicht gut, dass die Stadt nicht längst auf Distanz dazu gegangen ist oder?

Hendrik LübbenDas ist richtig, ich halte es für einen Fehler, dass immer noch über den Betritt zur Entwicklungszone diskutiert wird.

Was sind aus Ihrer Sicht handfeste Gründe gegen eine binnendeichs gelegene Entwicklungszone?

LübbenIch bin davon überzeugt, dass es nach einem Betritt zu der Entwicklungszone eines Biosphärenreservates zu Einschränkungen kommen wird. Jedes zukünftige Vorhaben im Stadtgebiet wird darauf überprüft werden, ob es den Zielen der Entwicklungszone entspricht. Für eine Industriestadt wie Nordenham ist das ein großer Nachteil. Ein großer Teil der landwirtschaftlich genutzten Flächen im Stadtgebiet ist über die Vogelschutzgebiete bereits mit Maßnahmen zum Naturschutz belegt. Das hat auch großen Einfluss auf die Entwicklungsmöglichkeiten der Handwerksbetriebe und der Industrie.

Die landwirtschaftlichen Betriebe im Stadtgebiet bewirtschaften 90 Prozent der Flächen als Grün- und Weideland. Durch den sogenannten Niedersächsischen Weg, auf den sich Politik, Naturschutzverbände und Landwirtschaft gemeinsam im letzten Herbst geeinigt haben, wird die naturschutzfachliche Qualität der Flächen nochmal deutlich erhöht. Dafür bedarf es keinen Beitritt in eine zusätzliche Entwicklungszone.

Inzwischen gibt es den Entwurf einer Kooperationsvereinbarung zwischen Stadt und Nationalparkverwaltung. Darin sichert die Nationalparkverwaltung schriftlich zu, dass es alleine aufgrund einer Zugehörigkeit zum Biosphärenreservat keinerlei neue naturschutzrechtliche Auflagen geben wird. Warum vertrauen Sie dieser Zusicherung nicht?

LübbenDie Erfahrung der letzten 20 Jahre mit den Vogelschutzgebieten hat gezeigt, dass politische Versprechen nicht eingehalten werden und einmal eingerichtete Gebietskulissen immer wieder für neue Auflagen herangezogen werden. Da macht uns weniger die Nationalparkverwaltung Sorge, sondern eigentlich unbeteiligte Dritte wie das Bundesumweltministerium. In dessen „Aktionsprogramm Insektenschutz“ sind ausdrücklich die Entwicklungszonen der Biosphärenreservate erwähnt als Gebiete, wo vorrangig Maßnahmen zum Insektenschutz entwickelt werden sollen.

Gemäß Vereinbarungsentwurf behält die Stadt Ihre Möglichkeit, nach einem Beitritt auch wieder austreten zu können. Reicht Ihnen das nicht?

LübbenEin Austritt wird später nicht so einfach möglich sein. Mit dem Beitritt zu der Entwicklungszone wird die Stadt verpflichtet, Projekte zu entwickeln und dafür Fördergeld zu beantragen. Ist erstmal ein Projekt auf dieser Grundlage gefördert, kann die Stadt nicht einfach aus dem Vertrag aussteigen, ohne die Rückzahlung von Geldern zu riskieren.

Sind Sie überhaupt zu Verhandlungen bereit oder lehnen sie eine Entwicklungszone in Nordenham generell ab?

LübbenWir könnten sehr gut mit dem Biosphärenreservat leben, wenn damit nicht die Ausweisung der gesamten Stadtfläche als Reservatsgebiet verknüpft wäre, sondern beispielsweise nur eine Kernzone rund um die Innenstadt. Aber über diesen Punkt möchte die Nationalparkverwaltung nicht verhandeln.

Als Industriestadt könnte Nordenham mit einer Entwicklungszone für das Unesco-Biosphärenreservat ihr „grünes“ Image nachhaltig aufwerten. Zudem könnten Förderprogramme angezapft werden? Darf sich die Stadt eine solche Chance entgehen lassen?

LübbenDas grüne Image kommt nicht durch den Beitritt zu einer Entwicklungszone, sondern durch positive Taten. Bereits jetzt entwickelt die Stadt grüne Projekte und wirbt dafür erfolgreich Fördergelder ein. Die Nationalparkverwaltung hat keine eigenen Förderprogramme. Erfolgreicher Umweltschutz basiert auf der gemeinsamen Tätigkeit aller Beteiligten vor Ort, dazu bedarf es keinen weiteren auswärtigen Akteur am Tisch.

Zu den konkreten Projekten einer Entwicklungszone könnten auch die Förderung von Weidemilch-Produkten oder eine bessere regionale Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte gehören. Würde die Landwirtschaft somit nicht direkt profitieren von einer Entwicklungszone für das Unesco-Biosphärenreservat Niedersächsisches Wattenmeer?

LübbenIn unserer Grünlandregion ist das Hauptprodukt der Landwirtschaft die Milch. Über unsere Molkereien Ammerland und DMK vermarkten wir unsere Produkte bereits regional. Und das Grünlandzentrum hat mit großem Aufwand erfolgreich das Siegel „Weidemilch“ etabliert. In einem weiteren Siegel „Biosphärenreservatsprodukt“ kann ich keine Vorteile erkennen.

Zur Person

Der 39 Jahre alte Landwirtschaftsmeister Hendrik Lübben bewirtschaftet in Langenriep bei Abbehausen einen Milchviehbetrieb mit 160 Kühen und Nachzucht. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Seit einigen Jahren ist er Vorsitzender des Milchausschusses des Kreislandvolkverbandes Wesermarsch und stellvertretender Vorsitzender des Verbandes.