Nordenham - Als die mehr als 200 Teilnehmer der Radler-Demo gegen den Bau der Küstenautobahn auf den Marktplatz einbogen, skandierten sie lautstark in Sprechchören „Gegen die A20“ und drehten hier so lange ihre Runden, bis auch der Letzte das Ziel erreicht hatte. Denn Rücksichtnahme auf die Schwächeren hieß das Credo der Aktion. Rücksichtnahme auf die Wälder und die Moore, die Tiere, die Umwelt und die Menschen, denen durch den Bau der Lebensraum und die Ruhe genommen wird - und natürlich auch auf die Mitfahrer.
Eingebettet war die Demonstration in die bundesweiten dezentralen Aktionstage „Verkehrswende jetzt – Autobahnbau stoppen!“ Allein in der Region Oldenburg „und umzu“ war zu sechs Aktionen aufgerufen worden. Die, die am späten Samstagnachmittag in Nordenham endete, hatte bereits tags zuvor begonnen. Sie führte entlang der geplanten Trasse der A20 von Drochtersen an der Elbe bis an die Weser, durch Kleinensiel und entlang der Bahngleise bis nach Nordenham. Etwa 35 Radler waren bei herrlichem Wetter in Stade gestartet. Ständig schlossen sich weitere dem Tross an.
Camp auf halber Strecke
Auf halber Strecke, nach 55 Kilometern in Hipstedt, wurde ein Übernachtungscamp aufgeschlagen. Die Stimmung sei toll gewesen, „ein wunderbarer Abend“, erzählten Teilnehmer. Am Folgetag war Petrus allerdings nicht ganz so gnädig: Regen, Wind und Sonne schufen ein Wechselbad, das den Radlern viel abforderte. Dennoch wuchs die Gruppe an jedem Halt. Bei der Fahrt durch den Wesertunnel war sie schon auf 180 angewachsen. Mit einer Kundgebung auf dem Nordenhamer Marktplatz schlossen die Aktionstage für sie ab.
Da alle nach langer und widriger Tour erschöpft waren, fassten sich die drei Redner Chris Schellstede von der Ortsgruppe von Fridays For Future Wesermarsch, Hans-Otto Meyer-Ott aus dem Kreis der organisierten A20-Gegner und Jochen Dudeck als besorgter Bürger kurz. Zu Wort meldeten sich spontan auch weitere Teilnehmer, die sich für das gute und freundschaftliche Klima während der Tour bedankten oder Termine für weitere Aktionen bekannt gaben. Chris Schellstede bezeichnete das A20-Projekt als das klimaschädlichste und teuerste Autobahnprojekt Deutschlands. Viele Menschen verschiedensten Alters und verschiedenster Organisationen und Bewegungen, so der FFF’ler, seien an diesen beiden Aktionstagen zusammengekommen, um festzuschreiben: „Das nehmen wir nicht hin. Wo Unrecht zu Recht wird, wird unser Widerstand Pflicht.“
Sieben Abschnitte
Hans-Otto Meyer-Ott zeichnete die sieben geplanten Autobahnabschnitte nach und zählte auf, wie viel Umwelt, Natur und Leben durch den Bau der A20 zu einem extrem hohen Klimapreis zerstört werde. Drei der Abschnitte veränderten auch die Wesermarsch nachhaltig.
Jochen Dudeck erinnerte an ein 40 Jahre altes Wahlplakat der Grünen, auf dem einst gefragt wurde: „Kind – Auto. Wen lieben wir mehr?“ Dieses Plakat sei heute aktueller als je zuvor, sagte er. Es werde schwierig werden, gegen die große Koalition der Autobahnbauer anzutreten, da ihre Akteure bestens vernetzt seien. Sie seien „mit allen Wassern gewaschen, weil sie täglich drin baden.“ Er, Dudeck, hoffe, dass durch eine neue Bundesregierung nach der Wahl der Bundesverkehrswegeplan umgeschrieben werde. Gleichzeitig warnte er aber auch: „Die Trauben der Macht sind süß!“
