Nordenham - Die Narzissen im Museumspark stehen in voller Blüte. Die ersten Rosen treiben aus, und morgens zwitschern die Vögel um die Wette. Der kalendarische Frühlingsanfang ist zwar erst am 20. März. Aber wer mit wachem Blick in die Natur schaut, wird trotz des Schmuddelwetters feststellen, dass der Frühling längst begonnen hat.
Zu denen, die mehr als andere die heimische Flora im Blick haben, gehört Stephan Deberding. Der diplomierte Gärtner ist bei der Firma Siefken in Großensiel beschäftigt. Für ihn ist die Blüte der Forsythie ein Indikator für den Frühlingsbeginn. „Die gelben Knospen sind schon zu sehen, die Blüte steht kurz bevor. Normalerweise passiert das Anfang April, sagt der Experte. Dass der so genannte phänologische Frühling früher eintritt als sonst, wundert den Gärtner allerdings nicht. Er macht den außergewöhnlich milden Winter dafür verantwortlich.
Natur ist ihrer Zeit voraus
Der Februar 2020 war nicht nur besonders reich an Regen, sondern auch der zweitwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881. Stephan Deberding schätzt, dass die Natur ihrer Zeit etwa zwei bis drei Wochen voraus ist. Franz-Otto Müller, der Vorsitzende der Kreisgruppe Wesermarsch im Naturschutzbund Deutschland, geht noch weiter. Für ihn ist die Natur vier bis sechs Wochen weiter, als sie es normalweise Anfang März ist. Und für beide ist das kein Grund zum Jubeln. Beide gehen davon aus, dass die nahezu frostfreien Wintermonate ein Symptom des Klimawandels sind, der kurz- und langfristig erhebliche Probleme mit sich bringen könnte.
Franz-Otto Müller sieht in diesen Tagen ganz viele Beispiele dafür, was der milde Winter mit der Natur macht. „Ich habe in meinem Garten eine Kirsche, die inzwischen schon verblüht ist. Ich habe auch schon die ersten Rasenmäher in der Nachbarschaft gehört.“ Der Nabu-Vorsitzende hat Hummeln und Wespen beobachtet – viel früher als sonst. „Viele Vögel sind lange vor ihrer Zeit in die Wesermarsch zurückgekehrt. Ich glaube, dass inzwischen alle Storchenpaare zurück sind.“
Die Freude darüber hält sich bei Franz-Otto Müller allerdings in Grenzen. Nach seiner Einschätzung tut der fehlende Frost den Böden nicht gut. Die Folgen des milden Winters sind aus seiner Sicht eine schlechtere Durchlüftung der Böden und eine schlechtere Aufnahmefähigkeit für Wasser und Dünger. Der Anstieg der Feldmauspopulation, die den Landwirten in der Wesermarsch zurzeit arg zu schaffen macht, hat mit den trockenen Sommern der vergangenen zwei Jahre zu tun. Franz-Otto Müller fürchtet langfristig eine Versteppung der Böden in der Wesermarsch.
Nach den Worten von Stephan Deberding hat der Klimawandel bereits die Arbeitsabläufe in seiner Branche verändert. „So etwas wie eine Winterpause gibt es nicht mehr, weil strenge Winter mit Frost und Schnee selten geworden sind.“ Der erwartete Klimawandel habe außerdem dazu geführt, dass die Nachfrage nach Pflanzen, die wenig Wasser benötigen, deutlich gestiegen ist. „Wir gehen inzwischen davon aus, dass wir 2050 klimatische Bedingungen haben, wie sie zurzeit in Bologna in Norditalien herrschen.“ Immer häufiger dient die Vegetation in diesen Breitengraden als Vorbild für Neuanpflanzungen.
Pflanzen, die der Trockenheit trotzen, gewinnen immer mehr an Bedeutung. Als Beispiel dafür nennt Stephan Deberding den Ginkgo, das ist ein Baum der ursprünglich aus China stammt und heute weltweit zu sehen ist. Bei fortschreitendem Klimawandel findet die Zerreiche, die eigentlich weiter südlich zu Hause ist, in hiesigen Breitegeraden bessere Bedingungen vor als die heimische Stieleiche. Ein Beispiel für Pflanzen, die längere Trockenperioden gut vertragen können, ist auch der Amberbaum in der Nordenhamer Fußgängerzone, sagt der Gärtner.
Vegetation verändert sich
Es gibt Baumarten, denen Stephan Deberding keine rosige Zukunft prophezeit. Und einige gehören seit Jahrzehnten zum Nordenhamer Stadtbild. Der Experte glaubt, dass viele Birkenarten gefährdet sind. Um ein Indiz dafür zu finden, muss er nur aus dem Fenster seines Büros schauen. Dort steht eine Birke, die bei den trockenen Sommern in den vergangenen beiden Jahren arg gelitten hat. „Wir haben unter den Kollegen schon Wetten abgeschlossen, ob sich der Baum wieder erholt.“
Für Stephan Deberding steht außer Frage, dass sich die Vegetation langfristig verändern wird. Aber auch kurzfristig kann der milde Winter vielen Gartenfreunden den Spaß verderben. Dann nämlich, wenn es doch Frost gibt. Bei Obstbäumen kann später Frost besonders große Schäden anrichten. Sobald sie Blütenknospen und Triebe angesetzt haben, können Minusgrade zu erheblichen Ernteausfällen führen.
