• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Wesermarsch

Palliativmedizin in Deutschland fehlgeleitet

23.11.2016

Nordenham Der Beamer projizierte eine quirlige Szene mit knallbunten Playmobilfiguren an die Wand. Währenddessen drängte sich Professor Dr. Jochen Becker-Ebel durch die Stuhlreihen. Besser, wenn man bei einem so sensiblen Thema jedem vorher die Hand gedrückt hat, sagte der Priester, Dozent und Palliativunternehmer. Er lebt und wirkt während des Jahres mal in Hamburg, mal in Tiruvannamalai in Indien.

Jetzt war er zu Gast beim Nordenhamer Urologen-Team Dr. Hans Schmid und Dr. Antonios Balangas. Im Konferenzraum des Hotels am Markt tauschte er mit mehr als 40 interessierten und zum Teil emotional sehr engagierten Hörern der Experimental-Vortragsreihe „Urologischer Herbst“ seine Gedanken über das Sterben und den Tod, über die Palliativmedizin und die Sterbehilfe aus.

Unangepasst und tabulos will das Nordenhamer Ärzte-Duo in dieser Folge Themen aufgreifen, die in der Gesellschaft anderswo meist nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert werden. Im Oktober war die Sexualtherapeutin Dr. Viola Kürbitz bei ihnen zu Gast, und sie sprachen mit ihr über „Die weibliche Sexualität im Alter“.

Professor Jochen Becker-Ebel sei ein versierter Verfechter der Palliativ-Care-Idee, der als Mediator und Supervisor schon über 2000 Fachärzte und 3000 Pfleger schulte, berichtete Hans Schmid. Der Begriff Palliativ-Care werde in Deutschland zu einseitig ausgelegt, begann Jochen Becker-Ebel. Vorwiegend beziehe man sich hier nur auf Tumorpatienten. Palliativ-Care aber meine alle Gruppen Schwerstkranker.

Palliativmedizin in Deutschland beschränke sich auf Schmerztherapie und Sterbebegleitung und konzentriere sich auf den Patienten. Palliativ-Care im eigentlichen Sinne beginne aber schon bei der Diagnose einer unheilbaren Krankheit, schließe die Angehörigen in die Betreuung mit ein, fokussiere sich auch auf die individuellen Lebenssituationen und fordere neben dem Verständnis des Leidens in der medizinischen Betreuung auch Zeit und Bereitschaft zu einer Auseinandersetzung mit den existenziellen Fragen des Krankseins und Sterbens.

„Da sind wir in Deutschland nicht so drauf. Palliativ-Care ist hier völlig fehlgeleitet“, sagte Jochen Becker-Ebel. „Aber das passt den Krankenkassen anders auch gar nicht, denn Palliativ-Care gehört in ihre Zuständigkeit und ist auch nicht auf einen Monat begrenzt.“ Die in Deutschland übliche „Sonderversorgung“ in der letzten Phase sollte, so fordere es auch die Weltgesundheitsorganisation WHO, durch Fürsorge vom Moment der Diagnose an bis zum Lebensende durch „flache Hierarchien“ abgelöst werden. Dazu brauche man aber auch viele Ehrenamtliche und gut ausgebildete Pflegende.

Durchaus Verständnis äußerte der ehemalige Priester für die Sterbehilfe. Ausführlich setzte er sich mit der rechtlichen Problematik auseinander und sprach an vielen Beispielen die Grauzonen zwischen „aktiver“ und „passiver“ und den vom Bundesgerichtshof eingebrachten, schwammigen Begriff von „indirekter“ Hilfe an. Er folgerte: „Beihilfe zum Suizid kann man nicht verbieten, denn die Hilfe zu einer straffreien Handlung kann nicht strafbar sein. Bislang ist in Deutschland noch niemand verurteilt worden.“

Im Anschluss an sein Referat diskutierte Jochen Becker-Ebel mit den Gästen. Auf Einladung des Ärzte-Duos Schmidt/Balangas waren unter ihnen auch Rechtsanwalt Alexander Schuhr, Birgit Heckenberg von der Hospizhilfe Nordenham und die Oldenburger Diplompsychologin und Mitarbeiterin im Caritas-Verband Kreis Wesermarsch, Fenna Friedenberger.

Alles zum Thema Gesundheit im Nordwesten lesen Sie in unserem Gesundheits-Spezial.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.