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NWZonline.de Region Wesermarsch Politik

Eine Szene unter Generalverdacht

25.10.2019

Brake „Viele von den Tätern oder den potenziellen Tätern kommen aus der Gamer-Szene“, daher müsse man diese Szene stärker in den Blick nehmen, so die Argumentation von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) am Wochenende nach dem Attentat von Halle. Am Mittwoch, 9. Oktober, dem jüdischen Feiertag Jom Kippur, hatte Stephan B. versucht, in Halle in eine Synagoge einzudringen, um die dort Feiernden zu ermorden

Seehofer relativierte seine Aussagen inzwischen und sprach gegenüber der Augsburger Allgemeinen von einem gewollten Missverständnis. „Wir sehen, dass Rechtsextremisten das Internet und auch Gaming-Plattformen als Bühne für ihre rechtswidrigen Inhalte gebrauchen“, so Seehofer.

Der Braker Verein „total verpLANt“, der Netzwerkpartys mit bis zu 240 Teilnehmern in Brake organisiert, ist Teil der Gamer-Szene. „Eine solche Verallgemeinerung macht keinen Sinn“, meint der Kassenwart des Vereins Martin Kositz. „Die Frage ist, was ist ein Gamer. Laut dem E-Sport-Bund gibt es 34 Millionen Gamer in Deutschland die damit unter Verdacht stehen würden“, so der 32-jährige Elsflether.

Auch der zweite Vorsitzende Marten Bitter sieht Seehofers Forderung problematisch: „Ich bin kein Freund von genereller Überwachung ohne Verdachtsfall. Bei einer vernünftigen Grundlage wäre für mich allerdings auch eine größere Überwachung in Ordnung“. Und auch Kositz ist nicht generell gegen eine Überwachung: „Wenn es einen berechtigten Verdacht gibt, macht es Sinn.“

Attentat angekündigt

Einen solchen berechtigten Verdacht hatte Stephan B. spätestens geliefert, als er auf dem Onlineboard Meguca ankündigte, die von ihm selbst gebauten Waffen live testen zu wollen. Seinem Post von ebenjenem 9. Oktober ist zudem ein Link zu dem von ihm erstellten Twitch-Kanal angehängt, auf dem er sein Attentat live ins Internet übertragen hatte. Twitch ist eine Plattform, die es Nutzern erlaubt, selbst erstellte Inhalte live zu übertragen. Doch kam dieses Indiz zu spät für ein Eingreifen der Behörden.

Der Meinung, dass die pauschale Überwachung einer ganzen Szene nicht möglich ist, ist IT-Kaufmann Peter Tönjes aus Berne: „So etwas muss im Einzelfall entschieden werden.“ Wie Tönjes erläutert, ist die Voraussetzung für eine gezielte Überwachung jedoch, dass „jemand permanent die Foren mit liest.“ Also die Plattformen, auf denen sich die Nutzer im Internet austauschen.

„Es gibt Algorithmen und Programme, die nach bestimmten Schlagworten und Wortkombinationen suchen“, weiß Tönjes. Doch diejenigen, die mehr vorhaben, wüssten ihre Spuren zu verschleiern, ist sich der 63-Jährige sicher. Dass es auch dann noch technisch möglich ist, einem Verdacht nachzugehen, würden die Schläge gegen ein Rechenzentrum Ende September dieses Jahres und gegen Kinderpornografieringe zeigen.

Die Forderung nach einer Überwachung der Gamer-Szene sieht Tönjes als einen „Generalverdacht, der durch nichts gerechtfertigt ist. Die Gamer-Szene hat genau so wenig mit rechter oder linker Gewalt zu tun, wie jede andere Szene auch“, glaubt Tönjes. Zudem weist er darauf hin, dass stets ein richterlicher Beschluss für eine Online-Durchsuchung vonnöten sei.

Wann eine solche Online-Durchsuchung rechtens ist, regelt Paragraf 100b der Strafprozessordnung. Im Zuständigkeitsbereich des Landgerichts Oldenburg, der die Wesermarsch einschließt, ist nach Angaben von Pressesprecher Torben Björn Tölle in den letzten fünf Jahren kein Antrag auf eine Online-Durchsuchung eingegangen.

Nicht im Spiel

Dass das, was überwacht werden soll, in den Spielen passiert, bezweifelt Bitter. Weder ihm noch Kositz, die sich als Gelegenheitsspieler bezeichnen, sind darin jemals begründete antisemitische oder nationalsozialistische Äußerungen begegnet.

„Explizite Gewaltdarstellungen in Spielen sind meiner Meinung nach dank der Einstufung durch die USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) nicht problematisch, so lange die Eltern es überwachen“, sagt Bitter und fügt an: „Es gibt hundert Umweltfaktoren, daher ist es nie nur das Spiel gewesen. Erziehung und Mobbing können eine wesentliche Rolle spielen“, meint der 24-jährige Fachinformatiker. „Außerdem lernt man mit Tastatur und Maus nicht, mit Waffen umzugehen oder Waffen zu bauen.“

An diesem Freitag, 25. Oktober, findet eine kleine Netzwerkparty für Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren statt. In den Räumen des Braker Jugendtreffs wird ab 18 Uhr gezockt. In diesem Zuge spricht Bitter regelmäßig mit Eltern, die fragen würden, ob das Spielen aggressiv machen würde. „Ich spreche mit den Eltern dann über das individuelle Kind und leiste Aufklärungsarbeit“, so Bitter.

Daniel Schumann Volontär, 2. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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