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NWZonline.de Region Wesermarsch Politik

Trotz aller Schrecken ungebrochen

15.09.2018

Brake Heinrich Gerlach (1908-1991) war Oberstudienrat mit den Fächern Latein und Deutsch am Braker Gymnasium. Als Oberleutnant der Wehrmacht hatte er schwer verwundet die Schlacht von Stalingrad überlebt und war im Februar 1943 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten. Während seiner Gefangenschaft schrieb er einen Roman von der Schlacht, doch das Manuskript wurde entdeckt und konfisziert. Unter Mithilfe eines Hypnotiseurs rekonstruierte er später die Fassung aus dem Gedächtnis heraus. 1957 wurde die Geschichte unter dem Titel „Die verratene Armee“ veröffentlicht (die NWZberichtete).

Carsten Gansel, Jahrgang 1955, entdeckte vor einigen Jahren das Manuskript in Moskauer Archiven und veröffentlichte den Erlebnisbericht von Heinrich Gerlach 2016 unter dem Titel „Durchbruch bei Stalingrad“. Der Professor am Institut für Germanistik an der Universität Gießen stellte nun am Donnerstag die Fortsetzung „Odyssee in Rot“ im Schiffahrtsmuseum Unterweser vor und lieferte dazu viele Fakten. Zudem zeigte er bislang unveröffentlichte Fotoaufnahmen und Filmszenen aus russischen Archiven zu dem Thema.

Das Interesse an seinem Vortrag war groß, nahezu alle bereitgestellten Stühle im Haus Borgstede & Becker waren besetzt. Unter den Zuhörern befanden sich auch ehemalige Lehrerkollegen und Schüler. Sie schilderten Heinrich Gerlach als geschätzten Kollegen und geachteten Lehrer. „Ich gehörte dem ersten Jahrgang an, den Heinrich Gerlach zum Abitur geführt hat. Er war ein brillanter Lehrer“, sagte beispielsweise Dr. Bernhard Skupin, dessen Vater ein Kollege Gerlachs war. Dass Heinrich Gerlach das Lehrerzimmer wegen zweier Kollegen, deren Namen er nicht nannte, gemieden habe, merkte ein ehemaliger Gymnasiallehrer an. Gerlach sei am Braker Gymnasium aber weder isoliert gewesen noch gemieden worden, sagte er.

Carsten Hansel fokussierte sich in seinem Vortrag auf Heinrich Gerlachs Odyssee durch sowjetische Kriegsgefangenlager und die Mitgliedschaft im Bund Deutscher Offiziere (BDO). Er zeigte Fotos von der BDO-Gründung, Filmszenen mit einer Rede von Oberst Hans-Günther van Hooven zu den Zielen des BDO, den sinnlosen Krieg zu beenden. Der Referent erwähnte Gerlachs kurze Kontakte zu Walter Ulbricht, dem späteren Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, und Johannes R. Becher (expressionistischer Dichter und SED-Politiker, Minister für Kultur sowie erster Präsident des Kulturbundes der DDR) sowie seine Briefwechsel mit General Walther von Seydlitz, dem BDO-Präsidenten. „Das alles musste er sich von der Seele schreiben.“

Heinrich Gerlach waren weder Becher noch Ulbricht sympathisch. Dementsprechend fiel dann auch Ulbrichts Beurteilung aus, der ihn ins Arbeiterbataillon schickte. Diese Notiz präsentierte Carsten Gansel und auch einen Beleg, dass Gerlachs Familie nach dem Krieg als Opfer des Faschismus anerkannt war. Diese Karte habe er aus russischen Archiven, sagte der Referent. Auch zeigte er Gerlachs Rehabilitierungsbescheinigung vom 7. August 1950 und Notizen aus dem Tagebuch. Ein Interview aus dem Jahr 1966 zum Stalingrad-Roman aus dem Jahr 1945 von Theodor Plievier, der allerdings nicht an der Stalingradfront gewesen wäre, wurde auch gezeigt.

Heinrich Gerlach war 1951 ans Braker Gymnasium gekommen. 1950 aus der Gefangenschaft entlassen, hatte er sich mit seiner Frau und den drei Kindern, die unter dem Nazi-Regime in „Sippenhaft“ genommen worden waren, von Berlin aus in den Westen absetzen können. „Ich bin um 7.10 Uhr da“, schreibt Heinrich Gerlach zu seinem ersten Schultag in Brake. „So beginne ich in der 5a mit Deutsch.“ Seine „Odyssee in Rot“ war beendet.

„War Gerlach Verräter oder Patriot?“ Diese Frage stellte Carsten Gansel abschließend. Wegen der Mitgliedschaft im BDO sei man als Vaterlandsverräter verunglimpft worden. Dieses Kapitel harre immer noch der Aufarbeitung.

Ulrich Schlüter Elsfleth / Redaktion Brake
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