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NWZonline.de Region Wesermarsch Politik

Tischgespräch: Die zierliche Frau mit dem biblischen Alter

21.01.2012

ELSFLETH Jeden Freitag lässt sich Dorothea Liebner mit dem Taxi zum Haus Sandvoß in der Hafenstraße fahren. Zum Mittagessen. „Freitags gibt es immer Fisch. Der ist grandios“, sagt die zierliche ältere Dame mit der Goldrand-Brille und der leisen Stimme. Als erste Frau wurde sie 1972 für die SPD in den Elsflether Stadtrat gewählt. Kritisch und sozial engagiert – mit diesen Attributen wurde sie schnell bekannt. „An dem Tag, als ich in den Rat kam, hatten mein Mann und ich Silberhochzeit. Und Gerhard Kunschke wurde Bürgermeister“, erinnert sich Dorothea Liebner.

Im Oktober wurde sie 90 Jahre und ist damit das wohl älteste noch lebende ehemalige Ratsmitglied in Elsfleth. Dorothea Liebner wurde am 27. Oktober 1921 in Berlin geboren. „Ich war 18, als der Krieg ausbrach“, sagt sie und blickt aus dem Fenster auf die Hafenstraße. Und erzählt weiter. 1947 heiratete sie. „Wir lebten in Prenzlauer Berg. Unser Haus lag direkt auf der Grenze“, sagt die 90-Jährige und schneidet vorsichtig ein kleines Stück Filet vom Fisch. „Es schmeckt wieder hervorragend“, ruft sie dem Küchenchef hinterher, nachdem er den betagten Gast kurz höflich persönlich willkommen geheißen hat.

Dann erzählt sie weiter: „Im Erdgeschoss des Hauses befand sich eine Apotheke. Sie hatte zwei Eingänge – den einen im Osten, den anderen im Westen.“ So konnten die Liebners auch nach der Teilung der Stadt über die Apotheke heimlich in den Westen und dort einkaufen. Doch die Situation für die junge Familie spitzte sich zu. Gerade wurde der erste Sohn geboren. Und ihr Mann stand unter Beobachtung der Stasi. „Zweimal wurde er abgeholt. Zweimal hat er gesessen, weil er in der SPD war.“ Sie nimmt einen Schluck Apfelschorle, deren Kälte die warme Luft am Glas zu kleinen Wasserperlen kondensieren lässt. Dann fügt sie hinzu: „Bei den Nazis wurde man als SPD-Mitglied verfolgt – und bei den Kommunisten.“ Dann schweigt sie kurz.

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„Hmm, schmeckt das nicht wirklich hervorragend“, fragt sie mit leuchtenden Augen. „Lecker.“ Ihre Augen wandern nach links. „Wir haben das Salat-Büfett vergessen“, sagt sie. „Kommen Sie, das dürfen wir uns nicht entgehen lassen.“ Dorothea Liebner steht auf. Sie ist nicht sehr groß, aber sehr apart gekleidet. Und zuvorkommend ist sie. „Sie haben ja gar kein Besteck mehr. Warten Sie, ich weiß wo es liegt.“

1959 kam der Tag, der alles veränderte. An diesem Tag flüchteten Dorothea Liebner und ihr Mann mit dem zehnjährigen Sohn aus der DDR. „Wir kamen ins Aufnahmelager in Marienfelde. Eine schwierige Zeit.“ Ihre Mutter war schon sieben Jahre zuvor geflüchtet und wohnte in Brake. „Am Bahnhof in Kirchhammelwarden empfing sie uns freudestrahlend. Sie hatte einen selbst gebackenen Kuchen dabei.“

Seit 1966 lebt Dorothea Liebner in Elsfleth. Vor 16 Jahren starb ihr Mann. Als sie im vergangenen Jahr stürzte, war sie für ein paar Wochen im Pflegeheim. „Hier sterbe ich nicht“, sagte sie zu ihrem Sohn. Sie zog aus dem Heim aus und nahm sich eine eigene Wohnung. Einmal die Woche kommt sie zurück in das Seniorenzentrum. Zum Fisch essen. „Herrlich“, sagt Dorothea Liebner und nimmt mit ihrer Gabel das letzte Stück Filet.

Felix Frerichs Nordenham / Redaktion Nordenham
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