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NWZonline.de Region Wesermarsch Politik

Fassungslosigkeit nach antisemitischen Vorfällen

11.11.2019

Nordenham Unbehagen und ein Stück weit Wut lagen am Sonnabend in der Luft. „Fürchterlich“, „Irgendwie unheimlich“, „Ganz schlimm, dass man uns unter Polizeischutz stellen muss,“ kommentierten die etwa 80 Teilnehmer an der zentralen Abschlussmahnwache in der Fußgängerzone anlässlich des Gedenkens an die Pogromnacht am 9. November 1938.

Angesichts der jüngsten Vorkommnisse stand die Frage im Raum: „Ist das wirklich unser Nordenham?“ Nils Humboldt, Lehrer für Geschichte und Politik an der Oberschule Am Luisenhof, hatte in Zusammenarbeit mit dem SPD-Ortsverein Nordenham, dem Kreisverband Wesermarsch des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und dem Aktionsbündnis „Nordenham bleibt bunt“ zu sieben Mahnwachen an den 24 „Stolpersteinen“ eingeladen.

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Sie sind in Gehwege in Einswarden und in der Innenstadt eingelassen, und sie erinnern an 24 jüdische Mitbürger, die hier in Nordenham von den Nazis verfolgt und in Vernichtungslager deportiert wurden, oder die vor den Nazis fliehen mussten. Gerade auch heute wieder sei es wichtig, sagte Nils Humboldt in seiner Mahnrede, „dass wir alle da sind und deutlich machen: Nie wieder!“ Schon in den Jahren zuvor hatte der Geschichtslehrer solche Mahnwachen in Nordenham initiiert.

Und immer lief dieses Gedenken friedlich und in Stille ab. Anders diesmal: In der Nacht zuvor waren an drei Orten die Stolpersteine beschmiert und antisemitische Aufkleber und Plakate angebracht worden.

Da vor diesem Hintergrund Ausschreitungen während der Kundgebung nicht ausgeschlossen werden konnten, hatte die Polizei spontan alle sieben Mahnwachen begleitet. Während der Abschlusswache vor dem Commerzbank-Gebäude schließlich standen neun Polizistinnen und Polizisten in den Zufahrtswegen.

Ganz so abwegig schienen die Befürchtungen, dass die Teilnehmer provoziert werden könnten, nicht, denn in knapp 200 Metern Entfernung beobachteten vier dunkel gekleidete Männer das Treffen aus dunklen Hauseingängen heraus. Man kenne sie, wurde geraunt. Beim Erinnern an die nationalsozialistischen Verbrechen beschrieb Nils Humboldt den Anlass der Kundgebung. Es gehe nicht darum, dass sich irgendwer schuldig fühlen solle. Schließlich „haben die allermeisten von uns überhaupt nichts mehr mit jener Zeit zu tun“, machte er deutlich. Es gehe vielmehr darum, sich bewusst zu machen: „Nie wieder! Geschichte darf sich nicht wiederholen.“

Denn das Denken von damals sei auch heute noch kein „überwundenes Problem“. Wieder und wieder hielten es Spitzenpolitiker der AfD für legitim, Hass zu sähen. Und sie ermuntern so zum Handeln, ist Nils Humboldt überzeugt. Der Anschlag von Halle sowie ein Anstieg rechtsextremistischer Gewalttaten gegen Juden und Muslime führten dies auf dramatische Art vor Augen. Auch der Holocaust habe mit Worten und Mordattentaten begonnen. „Als die Nazis dann an die Macht kamen,“ sagte Nils Humboldt, „folgten Verfolgung, Deportation und Entrechtung. Rund sechs Millionen jüdische Menschen wurden in den folgenden sieben Jahren ermordet.

Hinzu kamen die Millionen von Menschen, die ermordet wurden, weil sie eine Behinderung hatten oder weil sie homosexuell waren oder weil sie den Sinti und Roma oder den Zeugen Jehovas angehörten oder Sozialdemokraten, Kommunisten oder Gewerkschaftler waren.“

Bürgermeister Carsten Seyfarth hatte zu Beginn der zentralen Mahnwache gemeinsam mit Humboldt die vier Stolpersteine vor der Commerzbank geputzt. Viele brennende Kerzen standen drumherum. Ein Passant hatte einen Blumenstrauß abgelegt. In seinem kurzen Statement bezeichnete Carsten Seyfarth die Gedenkwache als ein „starkes Signal, das wir alle benötigen.“ Er finde es unerträglich, dass heute, fast 75 Jahre nach Ende des Krieges, wieder jüdisches Leben gefährdet ist und die Synagogen von der Polizei geschützt werden müssen. Der „heutige Tag“, so der Bürgermeister, „ist deshalb nicht nur ein Tag der Erinnerung. Er ist auch ein Tag, der uns allen Mut machen soll, nicht wegzuschauen. Und mit diesem Mut sollten wir auch andere anstecken.“ Nordenham sei eine tolerante und weltoffene Stadt – und solle es auch bleiben. Musikalisch umrahmt wurde die zentrale Mahnwache durch die Gruppe „Jasch“.

Hinsichtlich der antisemitischen Farbschmierereien an den Stolpersteinen im Stadtgebiet hat der Staatsschutz der Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch mehrere Strafverfahren eingeleitet und die polizeilichen Ermittlungen aufgenommen. Zeugen, die Angaben zu den Tathandlungen oder zu möglichen Tätern machen können, werden gebeten, sich bei der Polizei in Nordenham, Telefon   04731/99810, zu melden.

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