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NWZonline.de Region Wesermarsch Politik

Der steinige Weg in der neuen Heimat

13.02.2019

Nordenham Seinen größten Erfolg als Sportler hatte Aljamal Moath im Jahre 2011. Damals war er Mitglied der irakischen Nationalmannschaft im Ringen, griechisch-römisch. Bei den Asienmeisterschaften holte er den dritten Platz. Ein Bild von der Urkunde hat er auf seinem Smartphone. Mitnehmen konnte er sie nicht, als er 2015 mit seiner Familie aus dem Irak floh. Mitnehmen konnte er nur das Nötigste.

Der 42-Jährige ist im Dezember 2015 zunächst in einem Flüchtlingslager in Bad Fallingbostel untergekommen – zusammen mit seiner Frau Nor (32), seinen Töchtern Zouhour (10), Delal (9) und den Söhnen Sajad (7) und Jassar (5). In Mossul hat Aljamal Moath als Sportlehrer an einer Schule und als Trainer im Verein gearbeitet. Bis der Islamische Staat kam. „Es gab eine Liste mit 1500 Namen, wo auch mein Bruder und ich drauf standen. Die sollten umgebracht werden. Die ISIS hat mich bedroht, und der Staat hat nichts dagegen gemacht.“ So steht es in der Niederschrift über die Anhörung im Asylverfahren. Inzwischen ist Aljamal Moath längst ein anerkannter Flüchtling. Er lebt mit seiner Familie in Nordenham, würde gerne arbeiten gehen. Aber das ist nicht so einfach.

Es gibt Hoffnung

Immerhin gibt es Hoffnung. Demnächst kann Aljamal Moath im Kindergarten Mitte ein Praktikum beginnen. Das hat nicht zuletzt mit Günter Felske zu tun. Der 79-Jährige hatte eines Tages die Familie im Großensieler Sportboothafen getroffen. „Wir kamen ins Gespräch und fanden uns sofort sympathisch“, erzählt Günter Felske. Seitdem kümmert er sich gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Erika Rammer um die Flüchtlinge. Fast täglich ist er zu Besuch, hilft bei Behördenangelegenheiten, unterstützt beim Lernen der deutschen Sprache, bei den Hausaufgaben und bei der Jobsuche. Die Kinder nennen ihn Opa, und sie strahlen, wenn er durch die Tür kommt.

Integration ist das große Thema. Bei den Kindern hat das gut geklappt. Zouhour, Delal und Sajad besuchen die Grundschule Süd. Jassar, der „Spaßvogel“, wie ihn Günter Felske liebevoll nennt, geht in den Kindergarten. „Zuerst war die Schule doof, weil ich noch kein Deutsch konnte“, erinnert sich Zouhour. Inzwischen ist das ganz anders. „Schule ist super“, schwärmt die Zehnjährige. „Mathematik und Kunst machen besonders viel Spaß.“ Zouhor geht in die vierte Klasse. Genauso wie ihre Schwester Delal hat sie schon viele Freunde gefunden. Auch Sajad hat sich gut eingelebt. Der Siebenjährige ist großer Fan des FC Barcelona und besonders von Lionel Messi. Beim ESV Nordenham spielt er im Sturm. „Ich habe schonmal in einem Spiel sechs Tore geschossen“, erzählt er voller Stolz.

Guter Draht zu Kindern

Auch sein Vater ist beim ESV Nordenham gelandet. Er trainiert dort zwei Jugendmannschaften. Die ehrenamtliche Aufgabe ist für den 42-Jährigen ein Geschenk. Aber auch für die Fußballer aus der F- und G-Jugend, die er betreut. „Er kann die Jungs richtig begeistern“, schwärmt der ESV-Vorsitzende Carsten Schöckel. „Und wir sind sehr froh, dass wir ihn haben.“

Beim Sport fallen die sprachlichen Defizite nicht so ins Gewicht. Man versteht sich auf dem Fußballplatz. Aljamal Moath hat großen Spaß an dieser Aufgabe. Mit Kindern komme er gut zurecht, sagt er. Deshalb würde er auch gerne wieder mit Kindern arbeiten. Das Praktikum im Kindergarten sieht er als Chance, in seiner neuen Heimat beruflich Fuß zu fassen. Gemeinsam mit Günter Felske hat er bereits weitere Pläne geschmiedet. Er möchte einen Vorbereitungskurs für die Ausbildung zum Sozialassistenten absolvieren.

Günter Felske freut sich darüber, dass sich immerhin eine vage Perspektive auftut. Aber er ist der Meinung, dass der Staat zu wenig tut, um anerkannte Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Deshalb hat er gemeinsam mit Aljamal Moath selbst die Initiative ergriffen. „Sonst tut sich ja nichts“, sagt er.

Für den 79-Jährigen ist es eine Selbstverständlichkeit, der irakischen Familie zu helfen. Das hängt auch mit seiner eigenen Familiengeschichte zusammen. Mit seinen Eltern ist er 1945 aus Westpreußen geflohen. So wie viele andere auch. „Ohne Flüchtlinge wäre Nordenham heute ein Dorf“, sagt er.

Die Geschichte der Moaths ist beispielhaft für viele Menschen, die aus Kriegsgebieten geflüchtet sind. Mit einem Schleuser-Auto ging es über Syrien in die Türkei. Anschließend mit dem Boot nach Griechenland. Über Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich nach Deutschland – mit dem Bus, mit dem Zug und manchmal auch zu Fuß. „4400 US-Dollar haben wir bezahlt. Ich war Beamter. Das war mein ersparter Verdienst“, sagt Aljamal Moath.

Spartanisch eingerichtet

Ihre Odyssee haben die Moaths hinter sich. Die Eltern gehen regelmäßig zum Sprachkurs. Sie freuen sich, ein sicheres Zuhause zu haben. Vier Zimmer, Küche, Bad – so lebt die sechsköpfige Familie in Nordenham. Die Jungs teilen sich ein Zimmer, die Mädchen ebenfalls. Die Wohnung ist spartanisch eingerichtet mit gebrauchten Möbeln. Alles andere als spartanisch ist die Gastfreundschaft, wenn Besucher kommen. Günter Felske kann ein Lied davon singen. Wenn Nor Moath frisch gebrühten arabischen Kaffee auftischt und dazu selbst gemachte Süßspeisen serviert, gerät er ins Schwärmen.

„Wir sind dankbar, dass wir in Deutschland sicher leben können“, sagt Aljamal Moath. An eine Rückkehr in den Irak denkt er nicht. Er möchte vor allem seinen Kindern eine Zukunft bieten. Und die sieht er in Deutschland.

Jens Milde Nordenham / Redaktion Nordenham
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