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NWZonline.de Region Wesermarsch Politik

Hilfe für Obdachlose – nicht nur an Weihnachten

22.12.2017

Nordenham Eigentlich passt der Name gar nicht so recht zur Einrichtung. „Wir haben kaum Gäste, die wirklich obdachlos sind“, sagt Sozialarbeiterin Karin Springer. Sie seien alle in anderen Einrichtungen oder bei Freunden untergebracht. Momentan falle ihr niemand ein, der auf der Straße schlafen würde. Aber das kann sich jederzeit ändern.

Zwischen 20 und 25 Menschen, so schätzt die Nordenhamerin, kommen pro Tag in die Einrichtung an der Friedrich-Ebert-Straße, Hausnummer 89. Ein paar Räume im Erdgeschoss. Viele der Besucher kennt Karin Springer schon seit Jahren.

Hauptsächlich Männer beanspruchen Angebot

Es sind hauptsächlich Männer, „zu 90 Prozent“, schätzt sie. Hier können sie duschen, es gibt eine Waschmaschine und einen Trockner. „Es ist wichtig, einen sauberen und trockenen Schlafsack zu haben, sonst holt man sich schnell den Tod“, erklärt der 52-jährige Walter. Er kommt seit einigen Wochen regelmäßig zum Tagesaufenthalt, wenn ihn seine Streifzüge nach Nordenham führen. Für 35 Cent bekommt er dann eine Tasse Kaffee. Wenn Karin Springer Zeit hat, trinkt sie eine Tasse mit.

Als Einrichtungsleiterin hat sie es hier gut getroffen, sagt Karin Springer. Als sie mit der Ausbildung fertig war, musste sie sich entscheiden. „In den Kindergarten wollte ich nicht. Mit Heranwachsenden wollte ich auch nicht arbeiten.“ Blieben also die Erwachsenen. Die Einrichtung gehört zur Diakonie Oldenburg, das Angebot ist gesetzlich gefordert. Karin Springer ist nicht da, um Kaffee auszuschenken. „Wenn jemand im Aufenthaltsraum sitzt, ist er mein Gast. Wenn er in meinem Büro sitzt, ist er Klient“, sagt sie und zeigt auf ihren Schreibtisch. Wer hier herkommt, braucht Hilfe bei der Wohnungsvermittlung, bei Anträgen, seltener auch bei der Jobsuche.

Ehrenamtliche Unterstützung

Unterstützt wird Karin Springer von einer ehrenamtlichen Kollegin und einem 1-Euro-Jobber. „Und wir verwalten auch treuhänderisch das Geld mancher Klienten“, wenn sie beispielsweise kein eigenes Konto mehr haben. Der Tagesaufenthalt kann außerdem auch als Postadresse genutzt werden.

Manchmal spenden Nordenhamer Haushaltsgegenstände und Schlafsäcke, die sie weitergeben kann. Jedes Jahr spendet das Hotel am Markt außerdem ein Weihnachtsbuffet für die Einrichtung. In diesem Jahr gab es Rotkohl und Gulasch.

Außerdem zahlt Karin Springer Arbeitslosengeld II aus. „Ich spreche mit dem Jobcenter. Wer Anspruch darauf hat, kann sich sein Geld dann hier abholen – allerdings nur tageweise“, umgerechnet knapp 14 Euro.

Drogen- und alkoholfreie Einrichtung

Was die Besucher mit dem Geld machen, geht sie nichts an. „Wenn sie sich Schnaps kaufen, ist das ihr Recht, aber die Einrichtung ist drogen- und alkoholfrei.“ Wer sich benehmen kann, sei willkommen. „Das ist eigentlich auch immer der Fall. Die Polizei musste ich in meinen 17 Jahren hier nur ein einziges Mal rufen“, erinnert sich die Sozialarbeiterin. „Der war total betrunken und hat randaliert.“

Mit einigen Stammgästen hat Karin Springer sogar ein fast freundschaftliches Verhältnis. Einer von ihnen ist Hansi Anders, ein dunkelhaariger, freundlicher Mann mit Schnurrbart. „Der kam vor 13 Jahren her. Nicht wahr Hansi?“ Hansi nickt. Mittlerweile hat der 58-Jährige in Nordenham auch eine Wohnung, zu Besuch kommt er trotzdem regelmäßig.

„Damals, als ich neu war, habe ich noch total viel gefragt. Wie das kam, dass jemand auf der Straße gelandet ist, sowas. Das mache ich nicht mehr“, sagt die Sozialarbeiterin. „Heute nehme ich meine Gäste so, wie sie sind.“ Zu viele Geschichten sind es geworden in den Jahren, zu viele herzzerreißend.

Schicksalsschläge als Ursache

Es sind vor allem Schicksalsschläge, die den Weg auf die Straße ebnen, sagt Karin Springer. „Der plötzliche Tod der Frau, der Kinder, oder auch Scheidung. Dann kommt Alkohol dazu, irgendwann ist der Job weg, dann kann man seine Miete nicht zahlen.“ Der typische Weg, aber nicht der einzige.

Das Leben auf der Straße, es macht etwas mit einem, sagt Karin Springer. Viele fänden nie richtig in ein bürgerliches Leben zurück. Einige ihrer Klienten schlafen auch nach Jahren noch auf dem Schlafzimmerboden, statt im Bett. „Ich kenne einen, der hat sich die Decke bemalt, weil er den Himmel vermisst.“

Ihren liebsten Klienten will Karin Springer nicht beim Namen nennen. Aber es gibt ihn, erzählt sie. „Der kam hier an, Vollbart, schmuddelig, besoffen ist der dauernd vom Rad gefallen.“ Im Rückblick könne man sich darüber getrost amüsieren. „Er hat irgendwann eine Frau kennengelernt. Er ist bei ihr eingezogen und hat einen neuen Job gefunden.“ Jetzt ist er Rentner. Manchmal begegne sie ihm noch in der Stadt. Dann grüßen sie sich wie alte Freunde – aber nur von Weitem.

Sharon Beatty Redakteurin / Regionalredaktion
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