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NWZonline.de Region Wesermarsch Politik

Todesursache Hunger und Schwäche

16.11.2013

Blexen Das große Steinkreuz ist verwittert, die Inschrift auf der grauen Sockelplatte unscheinbar. „Hier ruhen 132 ausländische Kriegsopfer“, steht dort in gemeißelten Buchstaben geschrieben. Der Text ist nicht nur mühsam zu entziffern, sondern womöglich auch falsch. Der Kriegsgräberforscher Holger Frerichs aus Varel hat herausgefunden, dass die Angaben nicht mit der Kriegsgräberliste der Stadt Nordenham übereinstimmen. Nicht 132, sondern 154 Kriegstote aus anderen Ländern sind nach seinen Recherchen auf dem Friedhof II in Blexen beerdigt worden. Er fordert die Stadt Nordenham auf, die Mahnmal-Inschrift zu korrigieren.

Anfang der 1950er Jahre hatte die Stadt das steinerne Hochkreuz und die Gedenkplatte errichten lassen. Die Kosten übernahm das Land Niedersachsen, das dafür wiederum auf Zuschüsse des Bundes zurückgreifen konnte. Laut Holger Frerichs ist nicht mehr nachzuvollziehen, warum damals die falsche Zahl aufgenommen wurde. Angesichts der zu dem Zeitpunkt vorliegenden Gräberlisten hätten 149 Kriegstote aufgeführt sein müssen. Dabei handelte es sich um:

->  123 Kriegsgefangene aus der Sowjetunion

->  16 Zivilisten aus der Sowjetunion

-> 4 Zivilisten aus Polen

->  2 Zivilisten aus den Niederlanden

-> 4 russische Staatsbürger aus dem 1. Weltkrieg.

Der Kriegsgräberforscher kam bei der Durchsicht des Archivmaterials zu dem Schluss, dass die falsche Zahlenangabe den verantwortlichen Behörden schon lange bekannt ist, aber bislang niemand eine Richtigstellung für erforderlich gehalten hat. Zum Beispiel liegt ein Aktenvermerk vom 1. Oktober 1980 vor, in dem der zuständige Sachbearbeiter des Verwaltungsbezirks Oldenburg auf die Umstimmigkeit hinweist.

Inzwischen steht laut Holger Frerichs außer Zweifel, dass auch die Zahl 149 nicht richtig ist. Der Vareler hat in verschiedenen Dokumentationen und Sterbefallverzeichnissen nach Angaben über die in Blexen bestatteten Kriegstoten gesucht. Dabei zeigte sich, dass in der amtliche Gräberliste aus dem Jahr 1987 fünf sowjetische Kriegsgefangene fehlen, die auf dem Friedhof an der Deichstraße ihre letzte Ruhestätte haben. Laut Holger Frerichs sind die Belege dafür in der Datenbank OBD Memorial für vermisste und gefallene Soldaten der Sowjetunion zu finden.

Die Namen der fünf bisher nicht in der Gräberliste aufgeführten Kriegsgefangenen lauten Ilja Odinzow (21 Jahre), Wladimir Burjak (26), Anatoli Waschko (24), Pawel Platonow (31) und Iwan Medwedew (37). Sie alle verloren im Jahr 1942 ihr Leben.

Insgesamt sind nach den neuen Erkenntnissen 128 sowjetische Kriegsgefangene auf dem Friedhof II in Blexen beerdigt worden. Die meisten von ihnen – 91 – starben in dem Arbeitslager in der Blexer Papenkuhle. 27 kamen im Arbeitslager der Metallwerke und 10 im Arbeitslager des Weserflug-Werks ums Leben.

In der Liste sind auch die Todesursachen aufgeführt. In den meisten Fällen ist von einem „Inanitionszustand“, was mit Verhungern gleichzusetzen ist, und von „allgemeiner Körperschwäche“ die Rede. Oft steht aber nur ein Fragezeichen hinter dem Namen.

In der Chronik der Kirchengemeinde wird das „große Russensterben“ in den Jahren 1941/42 geschildert. Die toten Gefangenen wurden demnach in den hinteren Grabreihen des neuen Friedhofs „notdürftig beigesetzt“. Die Begräbnisarbeiten mussten Mitgefangene unter der Aufsicht von Wehrmachtssoldaten vornehmen. Helene Brauer-Dede, die Ehefrau des damaligen Blexer Pfarrers Günther Dede, schrieb in ihren Lebenserinnerungen: „Jetzt hielt auch der Tod Einzug in das Lager (....). Die nackte Leiche schafften Kameraden auf einem Bollerwagen durch das Dorf zum Friedhof. Das Gefolge wurde von neugierigen Kindern gebildet, die an den Toten ihren Schabernack trieben, wozu Lehrer sie ermuntert hatten. Man warf den Leichnam zu den anderen in die Grube. Kalk drüber, fertig.“

Die Stadt Nordenham hat die von Holger Frerichs erstellte Dokumentation an das Innenministerium in Hannover weitergeleitet. „Wenn es sich bestätigt, dass die Angaben auf der Gedenktafel nicht stimmen“, sagt Dezernent Peter Kania, „werden wir sie selbstverständlich korrigieren.“ Die Zuständigkeit für die Kriegsgräber obliegt dem Land, das die Pflege der Stadt übertragen hat.

Norbert Hartfil Redaktionsleitung Nordenham / Redaktion Nordenham
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