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NWZonline.de Region Wesermarsch Politik

Wenn nachts die SA an der Tür klingelt

25.06.2008

7 Nordenhamer

Juden sterben

in Auschwitz

Insgesamt 21 Juden lebten zu Beginn der Nazizeit in Nordenham, hat Gerd Strachotta recherchiert. Sieben von ihnen starben im Vernichtungslager Auschwitz.

In Auschwitz starben der Kaufmann Elimar Pinto aus der Wilhelmstraße 16, der 1935 nach Groningen ausgewandert war, der Viehhändler Louis Pinto, der 1934 nach Amsterdam ausgewandert war, sowie Rosa Pinto und Erich Pinto, die schon 1933 nach Holland geflohen waren. In Auschwitz starben auch der Viehhändler Paul Stoppelmann und seine Frau Frieda aus der Bahnhofstraße 20.

In Sobibor starb der Viehhändler Emanuel Pinto aus der Wilhelmstraße 16, der 1936 nach Groningen ausgewandert war, in Buchenwald Emil Stoppelmann aus der Bahnhofstraße 20.

Robert Löwy, seine Frau Josephine und seine Kinder Susanne und Paul wanderten am 2. April 1936 nach Rother im US-Bundesstaat Missouri aus, nachdem sie ihr Herrenbekleidungsgeschäft verkaufen mussten.

Leo Jacobsohn wanderte 1937 nach Kolumbien aus und holte bis Ende 1938 seinen Bruder Erwin und seine Eltern David und Thekla nach.

Es gab nur wenige Juden in Nordenham. Dennoch wurden sie gnadenlos verleumdet und drangsaliert.

Von Henning Bielefeld

Nordenham/Einswarden Am 10. November 1938 um fünf Uhr in der Früh klingelte es beim Kaufmann Adalbert Meyer. Meyer, damals 39 Jahre alt, öffnete im Schlafanzug. Vor ihm standen Bürgermeister Dr. Emil Gerdes und etwa 15 SA-Leute.

Adalbert Meyer war Jude und führte das „Butjadinger Bekleidungshaus“ an der Adolf-Hitler-Straße, die einst Vinnenstraße und dann Friedrich-Ebert-Straße gehießen hatte. Die Besucher befahlen ihm, seiner Frau Nadja – sie galt als „Arierin“ – und der achtjährigen Tochter Renate sich anzuziehen. Auch der ebenfalls in der Wohnung anwesende Angestellte Walter Friedmann (39) musste sich anziehen und ins Nordenhamer Gefängnis mitkommen. Sie waren die Opfer eines Ereignisses, das die Nazis verharmlosend „Reichskristallnacht“ nannten. Kein Bürger stellte sich auf ihre Seite, schreibt Gerd Strachotta in seinem Buch „Juden in der Wesermarsch“.

Wie hatte es so weit kommen können? Die NSDAP hatte die Judenfeindlichkeit von Anfang an in ihrem Parteiprogramm. In wenigen Einzelfällen zeigten auch Nordenhamer schon in der Weimarer Republik Verachtung gegenüber Juden, wie der jüdische Kaufmannssohn Leo Jacobsohn aus Einswarden in seinen Lebenserinnerungen schreibt. Aber noch beim ersten offiziellen Judenboykott, den die Nazis für Sonnabend, 1. April 1933, verordneten, gab es einen gewissen passiven Widerstand, vor allem von Sozialdemokraten und Kommunisten.

Die Nordenhamer NSDAP machte den Boykottaufruf mit einem Umzug durch die Stadt und einer Zeitungsnotiz bekannt. Betroffen waren das Bekleidungshaus Adalbert Mayer, der Herrenausstatter Robert Löwy an der Bahnhofstraße 18, der Milchhandel Emanuel Pinto an der Hafenstraße 13 und das Textilwarengeschäft David Jacobsohn Am Salzendeich 19 in Einswarden. Vor den Geschäften bezogen SA-Leute Posten und hängten das Plakat „Deutsche, kauft nur bei Deutschen“ auf.

Jacobsohn bot daraufhin jedem männlichen Käufer eine Zigarre an. Obwohl der SA-Posten auf sechs Leute verstärkt wurde, kauften Kunden bei Jacobsohn. Einer der SA-Führer soll ein langjähriger Schulfreund von Jacobsohns Sohn Leo gewesen sein.

Mit Plakaten, Propaganda-Veranstaltungen, Schulunterricht in „Rassenkunde“ und Zeitungsartikeln wurde die Bevölkerung gegen die Juden aufgehetzt. Noch im April kündigte das Bremer Kaufhaus Karstadt den Lehrvertrag von Jacobsohns zweitem Sohn Erwin, obwohl er „fleißig, willig und ehrlich“ war, wie ihm seine Vorgesetzten im Zeugnis bescheinigten.

Im Laufe der Jahre wurde die Schraube immer weiter angezogen. In der „Butjadinger Zeitung“ veröffentlichte der Lehrer und Heimatforscher Eduard Krüger einen Aufsatz mit der Überschrift „Bettler, Zigeuner und Juden“. Und am 9. September 1936 rief der Amtsgerichtsrat und NSDAP-Presseobmann Dr. Haag in derselben Zeitung dazu auf, „das blutlich Gemeinsame, das unser Volk bindet, (zu) retten, ehe es zu spät ist“.

Die böse Saat der Nazis ging auf: Von den 21 Juden in Nordenham wurden elf getötet, die übrigen entkamen der Vernichtung. Doch im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung ist keiner mehr lebendig.

Am 10. November 1938, kurz vor Mittag, wurden Nadja und Renate Meyer aus der Haft entlassen. Am Nachmittag mussten sie einem SA-Truppführer ihr gesamtes Bargeld übergeben. Am 11. November 1938 wurde Adalbert Meyer ins KZ Oranienburg gebracht. Er kam wieder frei, wanderte 1939 nach Kuba aus und gelangte von dort 1941 in die Vereinigten Staaten, wo seine Frau und seine Tochter schon auf ihn warteten.

Auch Walter Friedmann kam nach Oranienburg, wo er am 29. Dezember 1938 entlassen wurde. Silvester verzog er in den Landkreis Moers. Die letzte Station seines Lebens war das Vernichtungslager Auschwitz, wo er den Tod fand.

Sie können alle Berichte aus dieser Serie lesen unter www.NWZonline.de/100jahrenordenham

Diese NWZ-Serie zeichnet die großen Linien der Stadtgeschichte nach. Thema des 16. Teils ist die Judenverfolgung.

Adalbert Meyer

kommt ins

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Juden sterben

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