Brake - Der kaltblütige Mord an zwei Polizisten in Kusel (Rheinland-Pfalz) hat Deutschland schockiert. Von München bis nach Hamburg, von Köln bis nach Berlin gedachten Bürgerinnen und Bürger der beiden Opfer, die auf brutalste Weise aus dem Leben gerissen worden waren. Bundesweit beteiligten sich Polizisten am 2. Februar an einer Schweigeminute – natürlich auch in Brake.
Dort hat unsere Redaktion nachgefragt, ob und wie sich der schockierende Vorfall auf den Arbeitsalltag auswirkt. Polizeihauptkommissarin Steigemann (seit 26 Jahren Polizistin) und Polizeikommissar Pöthig (dreieinhalb Jahre im Dienst), die ihre Vornamen nicht veröffentlicht haben möchten, berichten von ihren Eindrücken.
Was waren nach dem Mord die ersten Gedanken ?
Steigemann spricht von einer „tiefen Betroffenheit“. Sie wolle sich gar nicht vorstellen, welche Angst die getöteten Polizisten in den letzten Momenten gespürt haben müssen. Ihre Gedanken seien aber auch bei Kollegen, Angehörigen und Freunden der Mordopfer gewesen. „Die Gefühle kann man nicht beschreiben“, sagt Steigemann – die ihre Vorstellungen schnell zu verdrängen versuchte, um für die nächsten Einsätze bereit zu sein.
Für Pöthig sei darüber hinaus bemerkenswert gewesen, wie groß die Solidarität innerhalb der Polizei ist. „Es hat sich gezeigt, dass wir in Deutschland einfach eine große Familie sind“, sagt er. Den Vorfall wolle er für sich nutzen, um im Rahmen der Möglichkeiten noch aufmerksamer zu agieren.
Wie wirkt sich der Vorfall auf den Alltag aus ?
Steigemann und Pöthig betonen im NWZ-Gespräch immer wieder den Aspekt der „Eigensicherung“. Der eigene Schutz und die Sicherheit der Kollegen sei deshalb so wichtig, da „selbst scheinbar schlichte Fälle wie etwa eine Ruhestörung schnell eskalieren können“, erklärt Steigemann. Sie habe im Laufe der Jahre gewisse Vorgänge zur Eigensicherung zwar längst verinnerlicht, der Vorfall schärfe den Fokus aber erneut.
Ziel von Pöthig sei es zudem, die Eigensicherung stets zu maximieren. Er betont in diesem Zusammenhang auch, dass dem Thema während der Polizistenausbildung sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt werde. Mit Blick auf seine deutlich erfahrenere Kollegin verdeutlicht Pöthig, dass „jahrelange Erfahrung sicher nicht schadet, auch wenn sich jeder Sachverhalt anders darstellt“.
Polizeihauptkommissarin Steigemann arbeitet seit 26 Jahren als Polizistin. Sie ist in Brake Dienstschichtleiterin für den Einsatz- und Streifendienst – Steigemann hat damit also die Fachaufsicht über die Schicht im Dienst. Dabei berät sie Kollegen und prüft Vorgänge, geht selbst aber natürlich auch noch auf Streife. Polizistin wurde sie, „weil ich Straftaten aufdecken und anderen helfen möchte“.
Polizeikommissar Pöthig ist seit dreieinhalb Jahren Polizist. Er ist ausschließlich im Einsatz- und Streifendienst tätig. Pöthig ist damit vor Ort, wenn es zu Ruhestörungen kommt oder Verkehrskontrollen durchgeführt werden. Zu Mordfällen würde er ebenfalls gerufen. „Der Reiz am Beruf ist, dass täglich etwas Neues passiert“, sagt Pöthig. Die Polizisten im Einsatz- und Streifendienst arbeiten im Dreischichtsystem.
Wie sah der psychische Umgang mit dem Vorfall aus ?
Es mag vielleicht ein bisschen salopp klingen, aber Steigemann erklärt: „Wir müssen als Polizisten funktionieren.“ Der psychische Selbstschutz sei daher extrem wichtig und sie würde sich „keinen Gefallen tun, wenn ich alles zu sehr an mich heranlasse“. Relativ schnell seien im Alltag dann auch wieder andere Gedanken präsent, da sie sonst „zugrunde gehen würde“. Dies bedeutet gleichzeitig auch, dass der Dienst trotz des Vorfalls in Kusel „wie bisher“ durchgeführt werde.
Für Pöthig war es indes besonders wertvoll, mit den Kolleginnen und Kollegen über den Mord zu sprechen. Als jüngerer Polizist habe er sich gezielt an erfahrene Kollegen gewandt. Die Gespräche hätten dann auch schon viel abgefangen – und wenn trotzdem noch Hilfe benötigt würde, könne er sich etwa an die regionale Beratungsstelle wenden.
Wie gehen Angehörige mit der potenziellen Gefahr um ?
Laut Pöthig seien Gespräche über eigenen Einsätze mit den Kollegen nur schwer mit Gesprächen innerhalb der Familie zu vergleichen. Engen Angehörigen könne und wolle er nicht jedes Detail erzählen – um sie nicht unnötig verrückt zu machen. Steigemann versuche ebenfalls, Freunden und Familie die Angst zu nehmen. Sie seien sich zwar der Gefahr bewusst, welcher sie sich im Beruf aussetzt. „Manchmal ist es aber eben hilfreich, Dinge zu verschweigen oder erst zu einem späteren Zeitpunkt zu erzählen“, sagt sie.
