Rodenkirchen - „Wenn du im Kopf nicht klar bist und verkrampfst, versagt die beste Technik“, beschreibt Christin Hilmer die besonderen Anforderungen an ihre Sportart. Dass die 24-jährige Trapschützin aus Rodenkirchen sich sehr gut konzentrieren kann, hat sie in ihrer noch recht jungen Sportlerkarriere wiederholt gezeigt. Viermal Deutsche Meisterin und zwei Vizemeistertitel sind der eindrucksvolle Beweis dafür. Eine der erfolgreichsten Sportlerinnen der jüngeren Vergangenheit im Landkreis ist Wesermarsch-Sportlerin des Jahres 2019.
Diesen Titel nehme sie mit freudiger Überraschung entgegen, zumal sie gar nicht damit gerechnet habe, sagte die vor dem Abschluss des Masterstudiums der Wirtschaftsinformatik stehende junge Sportlerin. Schließlich gehöre das Trapschießen, obwohl eine olympische Disziplin, nicht zu den populärsten Sportarten. Letztlich sei 2019 aus sportlicher Sicht nicht ihr bestes Jahr gewesen, sagt die für den Jade Wurftaubenclub in Wilhelmshaven startende Flintenschützin.
Weltrekord eingestellt
Aber mit dem wohl besten Wettkampf ihrer bisherigen Karriere war Christin Hilmer im vergangenen Jahr erstmalig Deutsche Meisterin in der Frauenklasse geworden – und sie überzeugte damit auch die Sportlerwahl-Jury mit Mitgliedern des Kreissportbundes Wesermarsch und der Nordwest-Zeitung. Im Finale der Titelkämpfe auf der Olympia-Anlage in München hatte die Rodenkircherin 48 von 50 Wurftauben getroffen und damit nicht nur eine persönliche Bestleistung erzielt, sondern mit der inoffiziellen Einstellung des Weltrekordes sensationell die gesamte deutsche Elite hinter sich gelassen.
An gleicher Stelle war sie im Jahr zuvor aber bereits Vizemeisterin in ihrem erst zweiten regulären Startjahr in der Frauenklasse geworden. Im Jahr 2015 war sie schon einmal als Juniorin bei den Damen gestartet, weil es nicht genug A-Juniorinnen für eine eigene Klasse gegeben hatte.
Christin Hilmer blickt auf eine beispiellose Karriere zurück. Im Jahr 2010 nahm sie im Alter von 14 Jahren das Training auf. „2011 habe ich das erste Mal an der Deutschen Meisterschaft teilgenommen.“ Dort wurde sie auf Anhieb Vierte. 2012 belegte sie Platz zwei bei den deutsche Titelkämpfen
Bereits 2013 wurde sie erstmalig Deutsche Meisterin bei den Juniorinnen und schaffte den Sprung in den D/C-Bundeskader. Den Titelgewinn wiederholte sie ein Jahr später. Sie wurde zudem Siebte bei den Europameisterschaften in Ungarn und nahm an den Weltmeisterschaften im spanischen Granada teil. 2014 stieg sie in den C-Kader auf – dem Bundeskader der Junioren. „2014 war wohl mein erfolgreichstes Jahr“, blickt sie zurück. Mit dem dritten Deutschen Meistertitel beendete sie 2016 ihre überaus erfolgreiche Juniorinnen-Zeit. 2017 wurde sie in den B-Kader der Erwachsenen aufgenommen.
Ihre Wahl zur Sportlerin des Jahres im Landkreis Wesermarsch wertet die Rodenkircherin daher auch als Zeichen der Wertschätzung ihrer Leistungen und Erfolge in den vergangenen Jahren. „Es ist die Krönung meiner bisherigen Platzierungen bei den Sportler-Wahlen. Der Titel fehlte mir noch in meiner Sammlung“, so Christin Hilmer.
Dass sie einmal eine sehr erfolgreiche Sportlerin sein wird, davon hat die 24-Jährige vor neun Jahren noch nicht geträumt. „In der Schule galt ich als sportliche Niete. Ich habe mich auch damals nie für Sport interessiert“, erinnert sich Christin Hilmer. Zum Trapschießen sei sie auch nicht aus eigenem Antrieb gekommen, sondern eher notgedrungen.
Weil Fred Hilmer sie dazu überredet hatte, den Jagdschein zu machen, begleitete die Tochter ihren Vater zum Wurftaubenschießstand in Wilhelmshaven. Dort sollte für die Schießprüfungen geübt werden. Sehr schnell wurden jedoch Heinz Weerda, Vorsitzender des Jade Wurftaubenclubs, sowie Sportwart und Trainer Eiko Harms, auf das große Talent aus Rodenkirchen aufmerksam und förderten fortan Christin Hilmer.
Neben den beiden Verantwortlichen des Jade Wurftaubenclubs haben nach Aussagen der Flintenschützin auch ihre Eltern Bärbel und Fred Hilmer großen Anteil an ihrer Karriere. Sie sorgten nicht nur dafür, dass Christin die erforderliche Ausrüstung bekam, sondern fuhren sie zu den Wettkämpfen und Lehrgängen kreuz und quer durch Deutschland.
Ein glücklicher Umstand sei es auch gewesen, dass seinerzeit der Nationalkader der Flintenschützen des Deutschen Schützenbundes die optimalen Bedingungen auf den drei Wurftaubenschießständen in Wilhelmshaven zu Trainingseinheiten nutzte. Dadurch habe sie die Gelegenheit gehabt, auch einmal einen Tag mit dem damaligen Bundesjugendtrainer Axel Krämer zu trainieren, obwohl sie da noch nicht zum Kader gehörte.
Beim Trapschießen erfahre man viel über sich selbst, insbesondere wie Stress und andere Faktoren das Unterbewusstsein beeinflussen, ohne dass man es selbst bemerkt. Das wirkt sich dann auch auf die Leistungen aus. Diese Erkenntnis habe sie besonders im Jahr 2015 gemacht. Aus dem damaligen Leistungstief sei sie nur herausgekommen, weil ihr die Trainer zu einer längeren Pause geraten hätten. „Das war wohl eine meiner besten Entscheidungen“, resümiert Christin Hilmer.
Stipendium verloren
Eine gravierende Änderung in ihrer sportlichen Laufbahn hatte sich zudem Ende 2017 ergeben, als sie auf eigenem Wunsch aus dem Bundeskader austrat, obwohl sie alle Qualifikationskriterien erfüllt hatte. Aufgrund eines neuen Förderkonzepts der Deutschen Sporthilfe hatte sie deren finanzielle Grundförderung und ihr Sportstipendium verloren. „Als Studentin bin ich auf eine finanzielle Unterstützung angewiesen, um auf dem Niveau einer Bundeskaderschützin zu trainieren und international mithalten zu können“, begründete die Rodenkircherin ihren ihr nicht leicht gefallenen Entschluss, dem Leistungssport den Rücken zu kehren. Weil sie neben dem Studium auch noch hätte arbeiten müssen, hätte sie nicht angemessen trainieren können.
Seit ihrem Austritt aus dem Bundeskader trainiert die Trapschützin nur noch sporadisch. Umso erstaunlicher sind ihre großen Erfolge in den vergangenen beiden Jahren. Auch nach dem jetzt bevorstehenden Ende ihres Studiums hat die amtierende Deutsche Meisterin keine Ambitionen, in den Nationalkader zurückkehren zu wollen. Die Olympischen Spiele im kommenden Jahr werden somit ohne eine der besten deutschen Trapschützinnen stattfinden. Sie möchte trainieren, wenn sie Zeit und Lust hat, und ihren Verein, den Jade Wurftaubenclub, bei nationalen Wettkämpfen vertreten.
Christin Hilmer hegt den Wunsch, sich hobbymäßig sportlich zu betätigen, um die eigene Fitness zu verbessern. Seit geraumer Zeit macht sie Yoga. „Ich werde mal schauen, ob es, wenn nach dem Studium in meinem Berufsleben eine Routine eingekehrt sein wird, bei Yoga bleibt oder ich noch eine andere Sportart zum Ausgleich finde“, sagt die 24-Jährige.
