Seefeld - Platzanweiser kennen manche aus dem Kino. Jetzt gibt es sie auch wieder im Theater: Wer das neue Stück der Spieler der Seefelder Mühle sehen will, wird von Anke Eymers an den für ihn vorgesehenen Platz geführt. Theater in der Corona-Zeit ist anders – auch auf der Bühne.
Wobei: Die eine Bühne gibt es nicht. Es gibt 14 Bühnen, für jeden Darsteller eine. So können sie gemeinsam auftreten und gleichzeitig den vorgeschriebenen Abstand sicher einhalten. Und die Spielleiterin Heike Scharf hat ein Stück entworfen, das exakt zum Bühnenbild passt. „Poesie des Lebens“, heißt es, und es fasst ein ganzes Leben in Gedichte.
Es war und ist kein ungewöhnliches Leben
Es ist das Leben von Regina (Anne Grabhorn). Alt und kaum noch beweglich sitzt sie in ihrem Stuhl vor der Bühne, auf Augenhöhe mit den knapp 40 Zuschauern, die am Donnerstagabend zur Premiere ins Dorfgemeinschaftshaus Seefeld gekommen sind. Mehr Publikum passt nicht rein, Corona macht es unmöglich.
Das Leben von Regina war und ist nicht ungewöhnlich, in vielem können sich Zuschauer, je nach Alter, wiedererkennen. Karin Rebmann verleiht den Emotionen in Mimik und Gestik Ausdruck. Mit dem Gedicht „Der Herbst“ von Suse Wintgen macht Regina deutlich, dass sie hofft, dass „der böse Winter“ noch etwas wartet.
Ihre Gedanken eilen zurück in die Kindheit. Jetzt öffnet sich die zweite Bühne, ein schmaler Schrank mit freundlichem Interieur. Insgesamt zwölf Schränke sind in U-Form im Saal verteilt. In diesem ersten steckt Roswitha Barre, und sie verleiht der Leichtigkeit der Kindheit Worte, beispielsweise mit dem Gedicht „Mein Kind, wir waren Kinder“ von Heinrich Heine.
Doch die Kindheit endet abrupt, plötzlich ist Krieg. Auf der gegenüberliegenden Seite öffnet sich der nächste Schrank, karg wie ein Spind. Drinnen steht Wolfgang Szyslo und deklamiert mit fast verzweifeltem Ernst Ludwig Ganghofers Anti-Kriegs-Gedicht „Das letzte Wort“. In seinem Schrank hängen ein Porträt von einem Soldaten in Uniform und eine Gasmaske.
Die Wirren und Nöte der Nachkriegszeit sind die nächste Prüfung, dann endlich der Neuanfang, die Rückkehr der Lebensfreude, die sich in dem Gedicht „Morgenwonne“ von Joachim Ringelnatz zeigt. Regina will ein „Lächeln schenken“ (Dany Wandelt) und ist „Verliebt“ (Christian Parisius).
Doch den Ansprüchen der „Ehelichkeit“, dargestellt in dem gleichnamigen Gedicht von Horst Reiner Menzel („Ehe braucht das Wir“) können beide Partner nicht genügen: „Und so kahl wie ‘ne Ratte, so ist er als Gatte“.
„Liebeskummerlohnt sich nicht“
Es folgt die Trennung, das einschneidende Lebensereignis, dessen Härte gerade dadurch deutlich wird, dass Heike Barre dazu den seichten Siw-Malmkvist-Schlager „Liebeskummer lohnt sich nicht“ singt.
Dann gehen die Kinder aus dem Haus, denn „sie sind nicht deine Kinder, sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst“, wie es Khalil Gibran poetisch auf den Punkt gebracht hat.
Nun klopft die Einsamkeit an die Tür – und der Tod ist nicht mehr weit. Heinz Erhardts „Die Made“ nimmt ihm humoristisch den Schrecken, und auch Christa Kluges „Vor allem Hoffnung“ weist über den letzten Horizont hinaus.
Theatererlebnis ruftnach Wiederholung
Schade, dass alle Vorstellungen ausverkauft sind, denn dieses knapp einstündige Theatererlebnis ruft nach Wiederholung, nach Vertiefung. Und es zeigt, dass auf der Bühne manches so ist wie im richtigen Leben: Es sind die Widrigkeiten, die das Beste aus den Menschen herausholen.
