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Deichschäfer Aus Der Wesermarsch Gibt Auf „Den Wolf tue ich mir nicht mehr an“

Sürwürden - Jim ist zwölf und hat damit für einen Hund ein respektables Alter erreicht. Doch der Border-Collie denkt nicht an Ruhestand: In Minutenschnelle treibt er 150 Schafe auf dem Sürwürder Deich zusammen. Lange darf er das nicht mehr machen, denn sein Herr, der Deichschäfer Hans Haxsen, hat zum Jahresende gekündigt. Grund ist der Wolf.

Hans Haxsens Chef, den Deichband-Vorsteher Burchard Wulff, versetzt diese Entscheidung in Alarmstimmung, weil der Sürwürder keineswegs der erste Deichschäfer ist, der wegen des Wolfes seinen Abschied eingereicht hat. Vor ihm waren es im vergangenen Jahr schon Fred Wachsmuth von der Deichschäferei Moorhausen sowie in diesem Jahr Henning Brandes in Schweiburg und Frank Wester in Moorriem. Insgesamt unterhält der Deichband zehn Schäfereien.

Fester Deich dank Schafe

Mit dieser Entwicklung gerät gerät nicht nur eine Tradition ins Wanken, sondern sinnbildlich gesprochen auch der Deich selbst. Denn die Schafe grasen nicht auf dem Deich, damit sich Urlauber an ihnen freuen, sondern weil sie mit ihren Klauen den Klei festtreten und damit einer Überschwemmung bei der nächsten großen Sturmflut vorbeugen.

Erst seit der verheerenden Sturmflut vom Februar 1962, als die Wesermarsch-Deiche kurz vor dem Brechen standen, sichern Schafe auch hier die Deiche. Der II. Oldenburgische Deichband folgte einem guten Beispiel aus Schleswig-Holstein, wo sich Deiche, die von Schafen festgetrippelt worden waren, als wesentlich standhafter erwiesen hatten.

In den 60er Jahren kam Friedrich Wilhelm als erster Deichschäfer aus Schleswig-Holstein in die Wesermarsch. Mit 100 Schafen, einem Hütehund und einem VW Käfer nahm er Kurs auf Tettens.

Die Deichschäferei Sürwürden ist 1972 errichtet worden. Sie ist genau baugleich mit der in Beckumersiel und wird seit Anbeginn von der Familie Haxsen bewirtschaftet. Hans Haxsen, jetzt 56, hat das Handwerk des Schäfers von seinem Vater Oltger Lübbe Haxsen gelernt. 1988, mit 24 Jahren, unterschrieb er den Pachtvertrag.


„Ich hätte gern noch bis 60 weitergemacht, aber das mit dem Wolf tue ich mir nicht mehr an“, sagt Hans Haxsen. Er fühlt sich von der Politik im Stich gelassen: „Die verarschen uns nur.“ Dank seines Rindermastbetriebs hat er noch ein zweites Standbein; finanziell ist er nicht auf die Deichschäferei angewiesen.

Dabei könne er von den 800 Schafen, die er auf 70 Hektar Deichfläche zwischen der Deichtrift Absen und dem Huntesperrwerk in Elsfleth hält, durchaus leben. Aber schon einmal, Anfang August 2017, habe ein Wolf eines seiner Schafe gerissen. Gegen den Einspruch des damaligen Wolfsberaters und Nabu-Kreisvorsitzenden Franz-Otto Müller nahm er eine Probe und schickte sie zum ForGen-Institut nach Hamburg. Nach wenigen Tagen bekam er das Ergebnis: Die Erbsubstanz verwies auf einen Mischling, einen sogenannten Hybriden, aus 45 Prozent Wolf und 55 Prozent Schäferhund.

Vom Senckenberg-Institut, das offiziell mit der Untersuchung aller Proben beauftragt ist, habe er bis heute kein Ergebnis bekommen, sagt Hans Haxsen. Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserbau, Küsten- und Umweltschutz (NLWKN) teilte ihm Ende November 2017 mit, es sei kein Wolf gewesen, sondern „ein Haushund“.

Aufgrund seiner Analysemethode sei das Senckenberg-Institut aber nicht in der Lage, das Raubtier zu ermitteln, sondern nur dessen Mutter – und die sei wohl eine Schäferhündin gewesen. Diese Untersuchungsmethoden einschließlich der zeitlichen Verzögerungen meint er, wenn er von „verarschen“ spricht. Das Wolfsbüro in Hannover, das die Proben hin- und herschicke, verzögere die Information absichtlich.

Wolf auf Winterweide?

Bislang war der Angriff vom August 2017 der einzige Riss auf seiner Fläche. „Aber alle Nachbarn haben schon Probleme mit dem Wolf gehabt“, ergänzt er. Diese Entwicklung sei kein Wunder, denn es gebe mit rund 1200 Tieren zu viele Wölfe in Deutschland. „Die 1a-Reviere sind schon verteilt, deshalb streunen jetzt auch Wölfe durch die Wesermarsch“, sagt Hans Haxsen. Drei von ihnen hat er in diesem Frühjahr schon der Nähe von Oldenbrok gesehen – wobei er vermutet, dass es jedes Mal dasselbe Tier war.

Oldenbrok – das ist nicht weit weg. Denn hier schickt Hans Haxsen seine Schafe auf die Winterweiden. Die Tiere verbringen die kalten Monate auf Flächen, die Kühe in der warmen Jahreszeit abgegrast haben. Dann fressen die Schafe weg, was das Hornvieh verschmäht hat.

Wenn dort ein Wolf angreift, wird mindestens ein Schaf getötet, mehrere werden durch Kehlbisse verletzt und noch mehr türmen voller Panik in Richtung Graben, wo sich ihre dichte Wolle so mit Wasser vollsaugt, dass sie aus eigener Kraft nicht mehr herauskommen jämmerlich ertrinken, schildert der Schäfer.

„Wenn ein Wolf einmal im Jahr eines meiner Schafe töten würde: Das könnte ich akzeptieren“, sagt Hans Haxsen. „Aber dass er über eine Herde herfällt, das will ich nicht erleben.“

Über die Idee, Wolfszäune zu bauen, kann Hans Haxsen nicht einmal mehr lachen: „Ich kann 20 Schafe mit einem Zaun schützen, aber nicht 800“, sagt er. „Außerdem sind die Zäune mit 1,20 Meter so niedrig, dass selbst der alte Jim aus dem Stand drüber hinweg springt.“

Henning Bielefeld
Henning Bielefeld Redaktion Nordenham (Stv. Leitung), Redaktion Stadland
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