Oberdeich - Die Zukunft der drei im Jugendheim Landhaus Oberdeich lebenden jugendlichen Flüchtlinge aus Afghanistan ist weiter offen. Sven Semprich, der ehrenamtliche Vormund des 16-jährigen Jawad aus Kundus, hat sich jetzt im Gespräch mit der NWZ dafür ausgesprochen, dass der Jugendliche, wie vom Jugendamt der Kreisverwaltung gewünscht, ins neue Caritas-Heim Elsfleth umzieht.
Sie wollen bleiben
Rainer Frerichs, der Leiter des Jugendheims, und Jürgen Janssen, der Rektor der Oberschule Rodenkirchen, sind sich dagegen einig, dass die drei Jugendlichen in Oberdeich bleiben sollen – so wie sie es auch selbst wünschen.
Frerichs betont, dass Jugendamt und Vormünder nicht einfach über die Jugendlichen entscheiden dürften, sondern dass das Sozialgesetzbuch VIII bei der Zuweisung einer Einrichtung auch die Einbeziehung des Willens der Jugendlichen vorsehe, wenn sie das 14. Lebensjahr vollendet hätten. Grund: Wenn Jugendliche gegen ihren Willen in eine Betreuungseinrichtung eingewiesen werden, könne die pädagogische Arbeit dort kaum Erfolg haben.
Wie berichtet, sind die drei Afghanen sogenannte unbegleitete minderjährige Ausländer, kurz Umas. Jawad, Ali (beide 16) und Amir (17) sind aus ihrer in jahrzehntelangen Bürgerkriegen zerstörten Heimat nach Deutschland geflohen und haben sich erst in der Wesermarsch kennengelernt. Jawad ist im vergangenen Dezember nach Oberdeich gekommen, Ali und Amir folgten im Januar. Alle drei fühlen sich in dem familiär geführten privaten Jugendheim wohl und wollen hier bleiben.
Der Jugendamt der Kreisverwaltung will jedoch, dass sie in das neugestaltete Wohnheim der Caritas auf dem Gelände der Elsflether Werft umziehen, weil nur dort das gesetzlich vorgeschriebene Clearing-Verfahren stattfinden könne, bei dem Herkunft, Fluchtursachen und Zielvorstellungen der Flüchtlinge geklärt werden könnten. Mit diesem Verfahren ist in der Wesermarsch die Caritas beauftragt. Grundsätzlich sollen die drei Afghanen auch zur Oberschule Elsfleth wechseln, bis auf Weiteres aber in Rodenkirchen bleiben, teilt die Kreisverwaltung mit.
Sven Semprich betont, dass er als vom Familiengericht Nordenham bestellter Vormund komplett ehrenamtlich arbeite und ausschließlich im Interesse von Jawad handele. „Jawad will in Deutschland bleiben, dieses Ziel muss immer bedacht werden“, betont Sven Semprich. „Sonst sitzt er spätestens nach dem Abschluss einer Lehre im Flugzeug nach Kundus.“
Nahe an der Innenstadt
Einen Asylantrag könne Jawad nicht stellen. denn er sei über einen sicheren Drittstaat, nämlich das EU-Mitglied Bulgarien, gekommen. Deshalb müsse es zunächst um seine Ausbildungsfähigkeit gehen, und da könne er ihm in Elsfleth besser helfen, weil er dort gut vernetzt sei, sagt Sven Semprich. Der 55-Jährige gehörte dort bis Frühjahr 2014 als CDU-Ratsherr dem Stadtrat an.
Zwar akzeptiere er den Einwand von Jawad, dass in dem Elsflether Heim nur ausländische Jugendliche wohnten, also – anders als in Oberdeich – kein ständiger Kontakt zu deutschen Jugendlichen vorhanden sei. Aber die deutschen Jugendlichen in Oberdeich seien „nicht einfach“, und das Elsflether Heim liege nur drei Fahrradminuten von der Innenstadt entfernt, wo es einen Jugendtreff, ein Fitnessstudio und ein Schwimmbad gebe. „Manchmal muss man für Jugendliche Entscheidungen in Bezug auf ihre Zukunft treffen, die sie zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verstehen können“, sagt Sven Semprich.
Er lebt inzwischen in der Gemeinde Ovelgönne, wo er als angestellter Milchleistungsprüfer und als selbstständiger Mechaniker tätig ist. Er unterstütze den Satz „Wir schaffen das“, den Bundeskanzlerin Angela Merkel geprägt hat, betont Sven Semprich: „Ich habe mich gefragt, was ich tun kann und mich um eine Vormundschaft beworben.“
Rainer Frerichs will dagegen an seinem Kurs festhalten. Im Zweifelsfall werde das Familiengericht beim Amtsgericht Nordenham entscheiden, sagt er. In dieser Haltung sei er sich mit Jürgen Janssen von der Oberschule einig.
