Brake/Wesermarsch - Die Konsumlust der Menschen wächst wieder, obwohl fast alles teurer geworden ist – „das wird viele finanziell überfordern“, zeichnet Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, ein düsteres Bild. Und er weiß: Schon jetzt sind rund 5,65 Millionen Menschen in Deutschland überschuldet, auch in der Wesermarsch. So geht es aus dem jetzt veröffentlichten „Schuldneratlas 2023“ der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervor. 1329 der Betroffenen leben in Brake, 629 in Elsfleth, 359 überschuldete Menschen wohnen in Ovelgönne, 2441 in Nordenham und Butjadingen zählt 425. In Lemwerder gelten 456 Menschen als überschuldet, in Berne sind es 425 und in Stadland? Hier wurden die Bezirke nach den Postleitzahlen aufgesplittet. Im Bereich 26935 wurden 290 Fälle registriert, im Bezirk 26936 zählte Creditreform 84 und im Postleitzahlen-Bezirk 26937 waren es 90. Bleibt noch Jade: Hier sind 310 Menschen überschuldet.
Inflation und hohe Zinsen
Doch woran liegt es, dass die Menschen ihre Finanzen nicht im Griff haben? „Die multiplen Krisen, insbesondere die anhaltende Inflation und die hohen Zinsen, verteuern das Leben der Verbraucher stetig“, so Patrik-Ludwig Hantzsch in einer Pressemitteilung. Da die Folgen einer Überschuldung, Stichwort Privatinsolvenz, erst zeitverzögert auftreten, rechnen die Analysten mit steigenden Fallzahlen in den kommenden Monaten. Denn die teils drastisch gestiegenen Lebenshaltungs- und Energiekosten haben im vergangenen Jahr die finanziellen Spielräume der Verbraucher deutlich eingeschränkt, so die Einschätzung der Experten von Creditreform. Vor allem die sogenannten „Dauerüberschuldeten“ aus den unteren sozialen Schichten hätten unter der Preisentwicklung zu leiden. „Die steigende Nachfrage nach Ratenkrediten und „Buy now, pay later“-Angeboten, die vor allem auf Jüngere und Frauen abzielen, bestätigen den Konsumtrend“, so Michael Goy-Yun“, Geschäftsführer von Creditreform Boniversum und microm. So seien es auch diese beiden Gruppen, bei denen die „weiche“ Überschuldung gegen den Trend ansteigt.
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Anschlussfinanzierung oft ein Problem
Und noch etwas zeichnet sich laut der Experten ab: Während sich vor allem junge Menschen (unter 30 Jahre) in den vergangenen zehn Jahren immer weniger überschuldeten, stieg die Überschuldungsquote der über 60-Jährigen im gleichen Zeitraum signifikant an. Darüber hinaus stellten sie fest, dass seit 2019 auch Normal- und Gutverdiener in die Überschuldungsspirale geraten sind und teils eine Schuldnerberatung in Anspruch nahmen. „Ganz konkret können es Menschen sein, deren Immobilienfinanzierung in diesem Zinsumfeld ausläuft, die eine Anschlussfinanzierung brauchen und plötzlich mit enormen finanziellen Mehrbelastungen zurechtkommen müssen“, erläutert Goy-Yun weiter.
Gesunkene Zahlen trügerisch
Statistisch ist die Zahl der überschuldeten Menschen in der Wesermarsch im Vergleich übrigens überall leicht gesunken. Doch diese Zahlen trügen, warnen die Experten von Creditreform. So wurde die Speicherfristen für Restschuldbefreiungen von bisher drei Jahre auf nun sechs Monate verkürzt – und damit fallen einige Schuldner raus. Ignoriert man diese Verkürzung, gibt es deutschlandweit mehr Fälle als 2022 – und das gilt aller Wahrscheinlichkeit nach – statistisch gesehen – auch für die Wesermarsch.
