Butjadingen/Wattenmeer - 1,6 Millionen Tonnen Weltkriegsmunition liegen nach offiziellen Schätzungen in deutschen Meeresgewässern, davon 1,3 Millionen Tonnen allein im niedersächsischen Wattenmeer. Die niedersächsischen Umweltverbände üben im Zusammenhang mit diesen gefährlichen Altlasten massive Kritik an der niedersächsischen Landesregierung. Während die Politik mit der Räumung der Munition noch abwarten will, fordern Nabu, BUND, WWF, Mellumrat und andere Umweltschutzorganisationen eine schnelle Beseitigung der Hinterlassenschaften zweier Weltkriege.
Gefahr im Wattenmeer
Die vor sich hin rottenden Kampfmittel seien eine enorme Gefahr für Flora und Fauna im Weltnaturerbe Wattenmeer, warnt BUND-Landesvorsitzender Heiner Baumgarten. Auch für Fischer und für Arbeiter beispielsweise an Windparks oder Kabeltrassen berge die Munition eine große Gefahr. Dass bislang seitens der Politik noch nichts zur Räumung der Kampfmittel unternommen worden sei, bezeichnet Heiner Baumgarten als einen „schlummernden Skandal“. Der BUND und die anderen Umweltschutzorganisationen fordern Bund und Länder auf, mehr Finanzmittel für die Beseitigung der Munition zur Verfügung zu stellen.
Kampfmittel wie Artilleriemunition, Spreng- und Brandbomben, Minen oder Torpedos sind selbst nach mehr als 70 Jahren noch gefährlich. Durch starke Strömungen und Grundschleppfischerei werden sie immer wieder umgelagert oder freigelegt. Der Sprengstoff kann nach wie vor explodieren, die Abbaustoffe sind hochgiftig.
Geräumt wird Munition nur anlassbezogen – zum Beispiel, wenn Bauarbeiten mit Grundberührung wie Kabelverlegungen anstehen.
Nicht transportfähige Munition wird vor Ort gesprengt. Die Umweltverbände kritisieren das, weil durch die Druckwelle Meeresbewohner beeinträchtig und sogar getötet werden können.
„Zurzeit wird gefährliche, eingeschränkt transportfähige Munition auf Sandbänken vor Minsener Oog im Nationalpark zur Explosion gebracht – das lehnen wir Umweltverbände entschieden ab“, betont der NABU-Landesvorsitzende Holger Buschmann. Während eine systematische Bergung unterbleibe, verschlechtere sich der Zustand der Munition im Küstenmeer weiter dramatisch. Je länger diese Munition im Meer verbleibt, desto weniger transportfähig ist sie. Dadurch komme es zwangsläufig vermehrt auch zu Unterwassersprengungen. Es sei jedoch erwiesen, dass Druckwellen und Schallimpulse von Explosionen Meereslebewesen beeinträchtigen und sogar töten können, sagt Holger Buschmann.
„Keine Strategie“
Die niedersächsischen Umweltverbände begrüßen zwar, dass die Umweltministerkonferenz im November 2019 eine Neubewertung der Munitionsbelastung in Auftrag gegeben hat. Bis heute sei aber keine schlüssige Strategie für das weitere Vorgehen erkennbar.
Die niedersächsischen Umweltverbände fordern vor diesem Hintergrund ein konkretes Maßnahmenprogramm zur Kampfmittelbeseitigung mit genauem Zeitplan, unterstreicht Hans-Ulrich Rösner, Leiter des WWF-Wattenmeerbüros. Weitere Sprengungen von Munition dürfen im Nationalpark nicht erfolgen, fordern der WWF und die anderen Umweltverbände.
