Wesermarsch - Der Landkreis Wesermarsch will bis 2040 die Klimaneutralität erreichen. Welche Maßnahmen dafür erforderlich sind, ließ sich am Dienstag ein Fachausschuss des Kreistages erklären. Das jüngst verschärfte Klimaschutzgesetz der Bundesregierung sieht die Klimaneutralität bis 2045 vor. Somit zeigt sich der Landkreis in der Zielsetzung ehrgeiziger als die Bundesregierung. Der Bund geht davon aus, dass bis 2030 die Emissionen bereits um 65 Prozent gegenüber 1990 sinken.
Im Ausschuss für Kreisentwicklung, Klimaschutz und Inklusion stellte Frederic Schlotfeldt von der Firma „energielenker projects GmbH“ aus dem westfälischen Greven seine Diskussionsgrundlage für einen Maßnahmenkatalog und einen Zeitplan vor. „Energielenker“ hat vom Kreis den Auftrag für die Erstellung eines Klimaschutzkonzeptes erhalten.
ambitionierte Ziele
Als „Leitziele“ für die Umsetzung des ehrgeizigen Vorhabens bis 2040 nannte Schlotfeldt folgende Maßnahmen:
Der individuelle Pkw-Verkehr reduziert sich im Idealfall um bis zu 20 Prozent
Mindestens 80 Prozent aller Fahrstrecken werden elektrisch zurückgelegt
Etwa 700 Photovoltaik (PV)-Dachanlagen werden jährlich auf Wohngebäuden und auf Gewerbe- und Industriedächern installiert
Cirka 20 Hektar Freiflächen insbesondere entlang von Autobahnen und Schienen werden jährlich mit PV-Anlagen bebaut
60 neue Windanlagen mit einer Leistung von rund sechs Megawatt sollen durch Repowering oder auf neuen Standorten entstehen
Bis zu 600 Gebäude sollen jährlich durch Rückbau oder Neubau klimaneutral entstehen
1000 Heizungswechsel jährlich, davon 850 durch Wärmepumpen, sollen erfolgen
Zehn Prozent des Wärmebedarfs sollen durch Wärmenetze gedeckt werden
Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) und der Schienenpersonen-Nahverkehr sollen gestärkt werden
Die Treibhausgasemissionen können nach den Berechnungen und Annahmen des Grevener Fachbüros deutlich reduziert werden. Bei Umsetzung der Maßnahmen würden sie laut Frederic Schlotfeldt 2040 noch rund 136.000 Tonnen Kohlenwasserstoff im Jahr betragen, was einer Abnahme von 90 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 entspricht.
Wichtig zum Erreichen der ehrgeizigen Klimaschutzziele des Landkreises ist nach Ansicht von Frederic Schönfeldt von der Fachfirma „energielenker“ die Beteiligung aller Akteure und die Öffentlichkeitsarbeit. So schlägt der Experte die Einrichtung eines Internetportals vor, auf dem Bürgerinnen und Bürger Verbesserungsvorschläge, Kritik und auch Lob zu den geplanten Maßnahmen mitteilen können.
Mit einer Online-Umfrage sollen die Bedarfe und Wünsche ermittelt und daraus sinnvolle Maßnahmen und Angebote entwickelt werden. Öffentlichkeitswirksam will der Landkreis am 19. September zu seinem 1. Fahrradgipfel einladen, mit dem für vermehrte Nutzung des Drahtesels geworben werden soll.
Mit Strom Emissionen sparen
Am schnellsten ist laut Schlotfeldt eine Emissionsreduktion im Stromsektor möglich. Für die Sektoren Industrie, Kommunales, private Haushalte, Verkehr und Gewerbe/Handel/Dienstleistungen präsentierte Schlotfeldt eine Energie- und Treibhausgasbilanz basierend auf Werten von 2019. Man habe dieses Jahr gewählt, weil es noch nicht von der Corona-Pandemie beeinflusst war. Danach ist, wenig überraschend bei den Standorten Nordenham, Brake und Elsfleth, die Industrie der mit Abstand größte Verbraucher, gefolgt von den privaten Haushalten. Der Verkehr rangiert an dritter Stelle. In diesem Bereich sieht Schlotfeldt großes Potenzial: 75 Prozent der Pkw würden 2040 elektrisch fahren, rund 65 Prozent der Lkw werden ebenfalls elektrisch betrieben, 20 Prozent mit Wasserstoff betankt. Gewerbe, Handel und Dienstleistungssektor spielen eine untergeordnete Rolle in der Gesamtbilanz.
Knappe Kapazitäten
Christoph Hartz (SPD) bezweifelte in der anschließenden Diskussion, dass 1000 Heizungen im Jahr umgerüstet werden können. Der Ovelgönner Kreistagsabgeordnete sieht dafür im örtlichen Handwerk nicht die erforderlichen Kapazitäten. Ausschussvorsitzende Ina Korter (Bündnis 90/Die Grünen) betonte, der Landkreis sei mit dem von Schlotfeldt vorgestellten Konzeptentwurf „auf einem guten Weg. Jede kleine Maßnahme trägt zum Gesamtziel bei“.
