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SERIE: Asbestos-Abenteuer fordert einige Opfer

04.09.2008

EINSWARDEN Ende der 60er Jahre schlug die Stadt Nordenham das letzte Kapitel in der Geschichte ihrer Industrialisierung auf. Was sich damals abspielte, erscheint heute so unglaublich, dass es wie ein schlechter Sensationsroman wirkt. Es geht um Asbestos.

Im Kommunalwahlkampf 1968 schien alles klar: Blexer und Einswarder sollten ein Sportzentrum mit Freibad an der Weser bekommen. Der Platz war schon ausgeguckt: zwischen Weser-Tanklager und Schäfers Loch. Ein Schild wies schon auf das zu erwartende Freizeit-Paradies hin.

Doch plötzlich war das Schild weg – abgesägt in einer Nacht- und Nebel-Aktion. Und dann wurde bekannt: Die kanadische Asbestos-Corporation werde hier ihr deutsches Werk ansiedeln. Bürgermeister Edwin Lielienthal (SPD) und Stadtdirektor Arthur Böhme glaubten den ganz großen Coup gelandet zu haben: Sichere Arbeitsplätze in einem modernen Werk und sprudelnde Steuereinnahmen für die Stadt, denn Nordenham sollte Sitz von Asbestos Deutschland werden.

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Doch viele Bürger waren nicht amüsiert: Die Blexer waren stocksauer, weil das Freibad ein Ersatz für das 1956 bei der Ansiedlung des Dockbauplatzes Gute-Hoffnungs-Hütte (GHH) verlorene Weserbad sein sollte, und die Anwohner Am Deich waren erzürnt, weil ihnen die Fabrik ganz nah auf die Pelle rückte. Dass Asbestfasern Krebs erregen können, war damals nur wenigen Wissenschaftlern bekannt und spielte in der öffentlichen Diskussion keine Rolle. Asbest diente dem Feuer- und Hitzeschutz.

Auch im Rat gab es Ärger: Lielienthal und Böhme hatten die Verträge mit den Kanadiern unterschrieben, ohne den Gremien ein Wort davon zu sagen. Die Volksvertreter wurden einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Grund war, im Wettlauf um die Industrieansiedlung nicht im letzten Augenblick doch noch den Kürzeren zu ziehen.

Zudem stellte sich heraus, dass die Verträge für die Stadt nicht gerade günstig waren: Sie musste viele Lasten tragen. Dennoch gab es im Rat ein klares Votum für die Verträge: Nur der spätere Bürgermeister Norbert Münzberg (SPD) – er war Einswarder und fürchtete den Zorn seiner Wähler – stimmte dagegen, Adolf Hackfeld und Margitta Terborg (ebenfalls SPD) enthielten sich.

Am 1. Dezember 1970 trat der neue Stadtdirektor Friedrich Knöppler seinen Dienst an. Als der 37-jährige Jurist den Vertrag las, den der Kaufmann Lielienthal und der Ingenieur Böhme ausgehandelt hatten, war er entsetzt. Mit Rückendeckung des Rates jettete er nach Kanada, wo er einige Verbesserungen erreichte. Doch mehrere Kinken blieben: So musste die Stadt dem Werk für 20 Millionen DM einen Anleger bauen. Bis weit in die 90er Jahre musste die Stadt jedes Jahr eine Million Euro Zinsen und Tilgung dafür bezahlen. Jetzt braute sich der Ärger der Genossen über Edwin Lielienthal zusammen: Der seit 1956 amtierende Bürgermeister musste zurücktreten. Das erzählt ein Fraktionsmitglied, das damals dabei war. Offiziell wurde ein solcher Zusammenhang allerdings niemals hergestellt. Am 26. Februar 1971 wurde Leo Walter zu seinem Nachfolger gewählt, 1974 räumte Lielienthal auch seinen Sitz im Landtag.

Damit war der Ärger nicht vorbei: Beim Anlanden von Asbestgestein aus Kanada kam es immer wieder zu Verwehungen, beim Sturm am 13. November 1972 wurde ein Teil des Daches der Halle abgedeckt, Rohmaterial flog heraus. Im Dezember 1973 sackte der Anleger in sich zusammen, Asbestos reparierte ihn auf Kosten von Stadt und Land. 1977 verkaufte die Stadt den Pier an Asbestos – für nur 2,8 Millionen Mark.

1979 wurden in Deutschland die ersten Asbestprodukte verboten, im Oktober 1984 musste das Werk schließen. 135 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz.

Bald danach übernahm die Midgard die Hallen, wo sie zunächst Getreide lagerte, und den Pier. Dort werden heute über den Ro/Ro-Anleger auch Teile für den A 380 verschifft.

Henning Bielefeld Stadland und stv. Leitung Redaktion Nordenham / Redaktion Nordenham
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