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NWZonline.de Region Wesermarsch Wirtschaft

Dankbarkeit kennt keine Sprachbarriere

19.09.2015

Berne Schon kurz vor zehn Uhr hat sich eine Schlange im „Radieschen“ gebildet. Ausgestattet mit Körben, Taschen und Rollkoffern warten zahlreiche Menschen darauf, Lebensmittel zu bekommen, die sie sich sonst kaum leisten können. Zum ersten Mal ist auch ein kleiner Raum geöffnet, in welchem Kleidung oder Spielzeug zur Mitnahme bereit liegen. Wer warten muss, durchsucht die Auswahl; prüft, ob die Hose oder die Bluse passt und steckt etwas ein.

An Bernes wichtigster Kreuzung herrscht Hochbetrieb. Bis vor die Tür bildet sich eine Schlange. Für nur 1,50 Euro pro Erwachsenem dürfen Lebensmittel für eine Woche mitgenommen werden. Voraussetzung ist, dass das Einkommen der Person 856 Euro nicht übersteigt. Nur wer bedürftig ist, darf das Angebot nutzen. Organisatorisch gehört das „Radieschen“ zu den Johannitern.NWZ

Verständigung schwierig

„Hier, das kann man mit Milch essen“, sagt Dieter Liedtke, Ortsvorsteher der Johanniter, zu einem Flüchtling und deutet auf eine Packung Müsli. Schnell wird eine Auswahl zusammengestellt: Obst, Brot, Gewürze, ein Kuchen und eben das Müsli werden verstaut. „Viele, die jetzt kommen, kennen unsere Lebensmittel noch nicht“, erklärt Birgit Wilgers, die die Kasse betreut. An einem Tag hätten sie Kohlrabi im Angebot gehabt und als Kostprobe angeboten, damit ihn die Menschen kennen und schätzen lernen.

„Das Besondere bei uns ist, dass man sich die Lebensmittel hier wie in einem Laden aussuchen kann“, erzählt Christa Wedemeyer. Dann greift die ehrenamtliche Helferin zu einer Kiste Eis am Stiel und verteilt sie unter den Menschen im Vorraum, um die Wartezeit zu verschönern – das Geschenk wird dankbar angenommen.

Rund ein Viertel der Abholer sind allem Anschein nach Asylbewerber. Oft wird mit Händen und Füßen erklärt, um welches Lebensmittel es sich handelt. Flattern die angewinkelten Arme wie Flügel, handelt es sich beim abgepackten Fleisch um Geflügel. „Das ist hier nicht nur gut – es ist super“, freut sich ein Asylbewerber, bevor er sich mit zwei vollen Taschen einen Weg aus dem Gebäude bahnt.

„Man bekommt hier von jedem etwas, eine gesunde Mischung“, sagt ein 60 Jahre alter Moorriemer, der zusammen mit seiner Frau auch etwas für die Nachbarn mit nach Hause bringt, die es an diesem Tag nicht geschafft haben. Alles landet auf einem der zwei kleinen Rollwagen, die das Paar wie eine Eisenbahn hinter sich her zieht. „Jeder bekommt etwas, darauf passen die auf.“

„Wir versorgen hier pro Woche 60 bis 70 Haushalte“, weiß Birgit Wilgers. Diese reichten von Alleinstehenden bis hin zu neun Personen unter einem Dach. Je mehr Leute jedoch kommen, desto weniger bekommen alle.

Jeden Vormittag können Lebensmittel abgegeben werden. „Am besten Nudeln, Reis oder Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten – Dinge, die alle mögen“, zählt Birgit Wilgers auf. Wer einen Überschuss im Haushalt hat, könne ihn so einem guten Zweck zuführen.

Manche haben jedoch Sorge, zu kurz zu kommen. „Hey, die hat doch schon Äpfel“, beschwert sich ein Herr am Ausgabetisch. „Die Dame kauft für sechs Leute ein“, kommt schnell die Begründung von der ihm gegenüberliegenden Seite. Hier und da gibt es kleine Spannungen, die aber mit einem gefüllten Einkaufskorb verfliegen. Am Ende gibt es immer ein warmes „Danke“, einem Handschlag oder eine freundliche Verabschiedung, denn geholfen wird im Radieschen ehrenamtlich und von Herzen.

Bedarf hat sich erhöht

Seit Anfang des Jahres kommen mehr Bedürftige als gewöhnlich – Lebensmittel-Spenden werden dringend erbeten, zumal der Bedarf voraussichtlich noch weiter steigen wird. Vor neun Jahren hat das „Radieschen“ mit nur neun versorgten Familien und einem Tisch angefangen. Heute stapelt sich frische Ware in zahlreichen Regalen, auf den Tischen oder im Kühlfach und wird auf 400 Menschen in der Region verteilt.

„Wir haben hier bald eine Überfüllung wegen der Flüchtlinge, die wissen ja auch, dass sie hierher dürfen“, befürchtet Francesco Di Dio, der seit drei Jahren zur Versorgung ins „Radieschen“ kommt. Die Verteilung sei besonders gut und dazu auch noch günstig. Für viele sei die Lebensmittelausgabe am Donnerstag zudem ein soziales Ereignis. Man treffe sich, klöne, putze sich heraus.

Deshalb wird auch viel gelächelt, viel gelacht im Radieschen. Manche wollen sich kaum vom Schalter und den netten Helfern lösen.

Sascha Sebastian Rühl Volontär, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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