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NWZonline.de Region Wesermarsch Wirtschaft

Aus keinem Pömpel werden vier

22.07.2019

Elsfleth /Norwegen Donnerstag, 4. Juli 2019: Kapitän Tobias Gebhard gibt exakt um 15 Uhr das Kommando „Leinen los“ – die Sommerreise 2019 der „Großherzogin Elisabeth“ hat begonnen. Gen Norwegen soll sie führen – ein Traumziel für die 35 Personen an Bord. Kurz nach Passage des Sperrwerks erfolgt die Sicherheitseinweisung und es werden die Pässe eingesammelt. Doch dann: Ein Besatzungsmitglied hat alle Papiere, Portemonnaie und Kreditkarten im Auto an der Pier in Elsfleth vergessen. Kein Problem, eben noch in Brake an der Heukaje rangeklappt, einen Fahrdienst nach Elsfleth organisiert, und schon kann die Reise fortgesetzt werden.

Trotz ungünstiger Wettervorhersage soll es an der dänischen Westküste entlang gen Norden gehen. Aus der Weser kommen wir noch gut. Doch alsbald stampft die „Lissi“ gegen die nordwestliche grobe See mit nur drei Knoten über Grund an. Bei Tagesanbruch beginnen wir Segel zu setzen. Zwar läuft der Motor weiter mit, aber die Segel stützen und bringen Vortrieb. Schnell gewinnen wir fast zwei Knoten Fahrt. Der Kurs hoch am Wind ist ungemütlich. Empfindliche Mägen streiken, erste Ausfälle durch Seekrankheit, auch die Köche – ausgerechnet die Köche! Doch sie halten wacker gegen an. Alles wird schwieriger. Die Spülmaschine ist bei der Krängung nicht mehr einzusetzen. Alles muss von Hand gespült werden, aber die Spülbecken laufen nicht ab. Da soll der Pömpel Abhilfe schaffen. Doch wo ist dieses Ding nur? Jeder glaubt ihn gerade noch gesehen zu haben – gefunden wird er aber nicht.

Der Wind dreht am nächsten Tag rück und schwächt leicht ab. Weitere Segel werden gesetzt, wir passieren die Küste Jütlands mit bis zu acht Knoten. Die Sonne lugt gelegentlich durch die massiven Wolkenschichten durch. Das Skagerrak ist zum Greifen nah – der Pömpel bleibt verschwunden.

Schon in der Nacht zu Sonntag sichten wir die Küste Südnorwegens. Kurz nach Mitternacht, 12 Stunden früher als geplant, erreichen wir Kristiansand. Der Kapitän beschließt zu Ankern. Einlaufen erst nach dem Frühstück, wenn alle an Deck sind. Ja, es sind tatsächlich wieder alle an Deck, die Seekrankheit ist vergessen – frohe Gesichter. Gemeinsam machen wir erst das Schiff, dann uns selbst hafenfein. Die Abflüsse bleiben allerdings verstopft und der Pömpel verschwunden.

Johannes Reifig BILD: Evelyn Eischeid

Autor dieses Beitrages ist Johannes Reifig. Der Kapitän ist Vorsitzender des Schulschiff­vereins „Großherzogin Elisabeth“

Nachdem die nähere Umgebung des Hafens erkundet wurde, legt der Kapitän das Auslaufen für 22 Uhr fest. Nächstes Ziel: Arendal. Die 40 Seemeilen bis dahin werden ökonomisch auf „ganz langsam voraus“ motort. Der Wind ist nunmehr ganz eingeschlafen. Unsere ehemaligen Seekranken freut es. Die Zeit erlaubt es, bei den ersten Sonnenstrahlen der neuen Woche, Mann-über-Bord Manöver zu fahren. Als Übungsobjekt dient ein ausgemusterter Rettungsring, den Judith, Nautikstudentin der Jade Hochschule, per Williamson- und Scharnowtörn, geschickt wieder an Bord nimmt.

Montagmorgen, wieder nach dem Frühstück, festmachen in Arendal. Wir beginnen die „Lissi“ herauszuputzen – wenn wir Ende der Woche zum „Klassentreffen“ der Großsegler kommen, soll man der „Lissi“ ihre 110 Jahre nicht auf den ersten Blick ansehen müssen. Natürlich sehen wir uns auch das gleichermaßen beschauliche, wie auch schöne Arendal an. Kurzer Abstecher ins Kaufhaus. Wofür? Einen Pömpel natürlich. Doch was heißt eigentlich Pömpel auf Norwegisch? Zeichensprache mit eindeutigen Handbewegungen ist leicht missverständlich. Nicht nur einer hatte die Idee: Vor dem Auslaufen war die Lissi mit gleich vier Pömpeln ausgerüstet! Die Abläufe blieben den Rest der Reise frei!

Gleich einem Kreuzfahrtschiff werden abends wieder die Leinen losgeworfen, um am folgenden Morgen Sandefjord anzusteuern. Der Wind ist immer noch lau. Doch Highlights gibt es auch abseits des Segelns. Es geht ostwärts durch den Tromoyfjord, wozu eine Brücke mit einer Durchfahrtshöhe von nur 34 Metern passiert werden muss. Stimmt diese Angabe? Wie sieht es eigentlich mit dem aktuellen Wasserstand aus? Sind die 33 Meter Masthöhe über dem Wasser eine verlässliche Angabe? Letzteres wird per Maßband verifiziert. Kurz vor der Brücke: „Das kann niemals passen“, denkt so mancher. Unser Kapitän ist sich seiner Sache aber sicher! Spontaner Applaus ertönt, als sich die Masten, denkbar knapp, doch ohne Kollision unter der Brücke hindurchschieben.

Sandefjord, Norwegens ehemalige Hochburg des Walfangs. Davon zeugt noch der historische Walfänger „Southern Actor“ neben dem wir festmachen. Das Walfangmuseum gibt eindrucksvoll Aufschluss über diesen Teil der Meeresausbeutung: faszinierend und abstoßend zugleich. Wieder Landgang bei strahlendem Sonnenschein. Schön, aber nun reicht es auch. Wir wollen endlich wieder richtig segeln.

Um 4 Uhr am Mittwochmorgen, es ist schon taghell, heißt es wieder: „Alles los vorn und achtern“. Nachdem die Festmacher verstaut sind, haut sich die 0-4-Wache in die Koje. Der 4-8-Wache bleibt die Arbeit des Segelsetzens. Anstrengend aber schön. Glücklicherweise sind Stammcrew und Mitsegler inzwischen zu einer Mannschaft zusammengewachsen. Hand in Hand mit vereinten Kräften werden Segel für Segel an den Wind gebracht. Letzter dankt es mit zunehmender Stärke und alsbald teilt der schlanke Bug rauschend die Wellen. Es geht auf Ostkurs nach Fredrikstad.

Die zunehmende Fahrt stellt die Schiffsführung abermals vor ein Luxusproblem: Wir sind zu schnell. Der Kapitän hält Ausschau nach einem lauschigen Ankerplatz für die Nacht – Ruhe für das Captainsdinner und einen bunten Abend. Im Idefjorden, durch den die Grenze zwischen Norwegen und Schweden verläuft, wird ein netter Ankerplatz ausgemacht. Zuvor sind noch ein paar Engstellen zu passieren. Die Lappen müssen wieder runter. Gute Entscheidung. Es wird in der Tat recht eng und es muss sehr präzise gesteuert werden. Trotzdem lässt die Sogwirkung unsere „Lissi“ unruhig werden. Höchste Konzentration beim Steuermann. Ob das von den vielen kleinen Booten, die uns ständig vor den Bug laufen auch so erkannt wird?

Gegen 18 Uhr fällt dann der Anker. Die Kombüse hat ein klasse Fischbuffet vorbereitet. Erst wird geschmaust, dann kommt die Kunst. Erstaunlich, wie viele humorvolle und unterhaltsame Beiträge mit Bordmitteln (sprich Crew und Mitsegler) zustande kommen. Plötzlich macht ein Boot längsseits fest. Die örtliche Presse möchte alles vom Kapitän über das Schiff wissen. Warum, so neugierig?“ „Nein“, sagt die Reporterin. „Solche Schiffe sehen wir sonst hier nie“. Die „Lissi“ ist wieder einmal eine Attraktion. Der Abend klingt auf dem Achterdeck aus. Shantys werden gesungen und zwei vorbeikommende norwegische Paddler spontan auf ein kühles deutsches Bier eingeladen. Gelegenheit sich mal für die vortreffliche norwegische Gastfreundschaft zu revanchieren.

Die Vorbereitungen für das Einlaufen in Fredrikstad – hier werden wir auf die internationale Flotte der Traditionssegler treffen – laufen schon. Da kommt ein Funkspruch: Wir sollen schon früher als geplant an der Lotsenstation sein. Nachts um 1 Uhr wird der Anker gehievt. Dann wieder die Engstellen, diesmal bei Dunkelheit, aber ohne störenden Bootsverkehr. Bei klarer Sicht und gut ausgefeuert ist das für unseren 2. Steuermann eine lösbare Aufgabe. Diesmal läuft die „Lissi“ wie auf Schienen.

VTS Horton, die zuständige Revierzentrale, erkundigt sich nochmals, ob wir es auch pünktlich um 8 Uhr zum Lotsen schaffen. Wir bestätigen. Doch kurz vor der Lotsenversetzung werden wir aufgestoppt. Planänderung: Nun soll der Lotse erst um 9.30 Uhr kommen. Was sollen wir machen, sind wir doch schon mitten im engen Fahrwasser des Flusses? Präzise zwischen zwei Seekabeln werfen wir Anker. Eine Kettenlänge rauscht aus. So können wir uns eine Weile halten. Offenbar haben wir direkt vor eine Schiffsbegrüßungsstelle geankert. Blasmusik, zackige Märsche und diverse Nationalhymnen aus den Heimatländern der vorbeifahrenden Segler ertönt aus überdimensionalen Lautsprechern. Wir dippen freundlich unseren „Adenauer“ an der Besangaffel. Um 9 Uhr kommt dann doch schon der Lotse, und nachdem gefühlt die ganze Einlaufparade spontan umgeplant wurde, konnten wir auch Anker hieven und nach Fredrikstad einlaufen. Schick über die Toppen geflaggt – die riesige Gösch auf dem Bugspriet verrät unsere Herkunft aus Elsfleth.

Wir sind fest – nun kehrt die übliche Unruhe ins Schiff: Open Ship, Besucher, Crewwechsel, Parties, Schiffsbesuche, Crewparade. Hoffentlich sind wir bald wieder auf See!

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