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NWZonline.de Region Wesermarsch Wirtschaft

Milchbauern: Keine Angst mehr um die nackte Existenz

04.01.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-01-04T05:14:51Z 280 158

Milchbauern:
Keine Angst mehr um die nackte Existenz

Frage: Mit dem Jahr 2016 ist das zweite äußerst schlechte Wirtschaftsjahr in Folge für die Milchbauern zu Ende gegangen. Nach einem europaweiten dramatischen Preisverfall ist erst im November der Milchpreis – also der Erzeugerpreis, den die Landwirte von den Molkereien erhalten – wieder angestiegen. Ist das mehr als ein Hoffnungsschimmer?

Hendrik Lübben: Ja. Inzwischen hat sich die Situation am Milchmarkt entspannt. Mit dem November-Preis haben wir zumindest die Chance bekommen, wieder wirtschaftlich zu arbeiten. Wir brauchen im Schnitt 35 Cent pro Liter, um keine Verluste zu machen. Davon sind wir zwar noch entfernt. Die Molkereien zahlen im Schnitt 32 Cent aus. Aber wir haben mit diesem Erzeugerpreis eine wirtschaftlich stabile Situation erreicht.

Frage: Ist die Angst um die nackte Existenz jetzt gewichen?

Lübben: Ja. Vor allem die Stimmung ist besser geworden. Zwei Jahre lang sind wir mit Existenzsorgen durch den Tag gegangen. Jetzt gibt es die Hoffnung, dass sich der Milchpreis stabil hält. Große weitere Steigerungen sind allerdings im nächsten halben Jahr nicht zu erwarten.

Betrieb mit 150 Kühen und Nachzucht

Landwirtschaftsmeister Hendrik Lübben ist Vorsitzender des Milchausschusses des Kreislandvolkverbandes Wesermarsch und Vorstandsmitglied. Der verheiratete Vater eines zwei Jahre alten Sohnes und einer sechs Wochen alten Tochter bewirtschaftet in Langenriep bei Abbehausen einen Milchviehbetrieb mit 150 Kühen und Nachzucht.

Frage: Steigen die Preise vor allem, weil die Bauern ihre Produktion gedrosselt haben?

Lübben: Ja, die Milchmenge ist geringer geworden, weil sich die Produktion einfach nicht mehr gelohnt hat. Alle Betriebe haben versucht, Kosten zu senken. Hinzu gekommen ist die Intervention der Europäischen Union. Die EU hat Milchpulver gekauft und eingelagert. Auch dadurch hat sich der Markt entspannt. Dritter Grund ist eine höhere Nachfrage auch aus dem Ausland.

Frage: Mit anziehenden Preisen ist aber wieder eine steigende Produktion zu erwarten – oder?

Lübben: In nächster Zeit ist damit nicht zu rechnen, weil man die Milcherzeugung nicht kurzfristig ändern kann und wir noch weit von guten Auszahlungspreisen entfernt sind. Hinzu kommt, dass in diesem Jahr infolge des kühlen und wechselhaften Sommers mit viel Nässe und wenig Sonne die Qualität der Silage – also des aus Grasschnitt gewonnenen Grundfutters – deutlich schlechter ausgefallen ist als in den Vorjahren.

Frage: Wie viele der rund 500 Milchviehbetriebe im Landkreis Wesermarsch mussten in den letzten beiden Jahren aufgeben oder werden noch stillgelegt?

Lübben: Ich kann keine genaue Zahl nennen, weil ich sie nicht habe. Klar ist aber, dass einige Betriebe die Krise nicht überstanden haben. Bei anderen Höfen ist die Entscheidung gefallen, die Landwirtschaft in den nächsten Jahren aufzugeben. Jeder der 500 Betriebe ernährt vier bis sechs Personen. Hinzu kommen die Unternehmen, die wirtschaftlich von der Landwirtschaft abhängig sind – vom Landhandel bis zur Metallbaufirma. Ich schätze, dass insgesamt etwa 4000 Menschen im Landkreis von der Milchpreiskrise direkt betroffen waren.

Frage: Hat es auch Insolvenzen gegeben?

Lübben: Ja.

Frage: Wie lange wird es dauern, bis sich die Betriebe von dieser schweren Krise erholen?

Lübben: Wir brauchen mindestens zwei Jahre mit einem durchschnittlich guten Milchpreis, damit wir die Verluste der vergangenen zwei Jahre auffangen können. Es wird schwieriger, weil der Milchmarkt deutlich schwankender geworden ist. Somit wird das wirtschaftliche Risiko deutlich größer als in vergangenen Jahrzehnten. Auf der anderen Seite machen uns die politischen Veränderungen große Sorgen.

Frage: Worum geht es konkret?

Lübben: Das sind verschiedene politische Fragen – vor allem umweltpolitische, von denen die Grünlandwirtschaft stark betroffen ist – und das meistens ungerechtfertigt.

Frage: Die Bundesregierung hat Anfang November ein Hilfspaket mit 581 Millionen Euro für die Zeit bis Ende 2017 genehmigt. Das Paket setzt sich zusammen aus Finanzhilfen der EU und aus dem Bundeshaushalt, einem Bürgschaftsprogramm für Kredite, Zuschüssen zur Unfallversicherung sowie Steuerentlastungen. Teilweise sind die Hilfen an die Bedingung geknüpft, dass die produzierte Milchmenge nicht weiter steigt. Wirkt sich dieses Hilfspaket positiv aus?

Lübben: Die steuerliche Rücklage zum Risikoausgleich ist am wichtigsten. Sie ermöglicht uns, dass wir gute und schlechte Jahre steuerlich wenigstens zum Teil verrechnen können. Die direkten Hilfen mit Mengenreduzierung stellen keine großen Summen dar, sind aber für einige Betriebe eine Stütze in der Krise.

Frage: Wie könnte die Politik noch mehr helfen?

Lübben: Die Politik wird keinen direkten Eingriff in den Milchmarkt vornehmen. Eine neue Milchquote wird es nicht geben. Für uns ist wichtig, dass wir jetzt an Möglichkeiten arbeiten, mit denen wir uns besser absichern können vor niedrigen Preisen. Dafür kann die Politik gute Anreize geben.

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