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NWZonline.de Region Wesermarsch Wirtschaft

„Wir dachten, dass es fünf Jahre dauert“

11.08.2017

Kleinensiel /Würgassen Bürgermeister Klaus Rübesamen sieht dem bevorstehenden Rückbau des Kernkraftwerks Unterweser (KKU) jetzt mit mehr Zuversicht entgegen. „Ich habe nun eine bessere Vorstellung von dem, was da passieren wird“, sagte er nach seiner Rückkehr von einer Besichtigung in Würgassen am Mittwoch.

1994 abgeschaltet

In Würgassen im Kreis Höxter steht das erste deutsche Kernkraftwerk, das in den Rückbau gegangen ist. Vor mehr als 17 Jahren, am 14. April 1997, bekam Preussen-Elektra die Genehmigung dafür. Abgeschlossen sind die Arbeiten noch immer nicht: Rein äußerlich sieht das Kernkraftwerk aus wie zu Zeiten des Leistungsbetriebs. Doch innerlich wirkt es wie ein „lost place“, ein verlassener Ort, in den Jugendliche nachts eindringen, um dort Videos fürs Internet zu drehen.

Denn die kerntechnischen Anlagen sind schon seit Jahren abgebaut. Am 29. August 2014 ist der Rückbau offiziell beendet worden, ohne dass die Betriebsgebäude aus dem Atomrecht entlassen worden wären. Das liegt daran, dass die 7400 Tonnen schwach- und mittelradioaktiven Abfälle, die beim Rückbau angefallen sind, im ehemaligen Unabhängigen Notkühlsystem (UNS), das zum Gebäudekomplex des Kraftwerks gehört, und in einer Transportbereitstellungshalle (TBH) gleich neben dem Komplex gelagert werden.

Sie sollen im Schacht Konrad bei Wolfenbüttel endgelagert werden. Dieses Endlager sollte den Planungen zufolge seit 2011 zur Verfügung stehen, aber eine Genehmigung ist nach wie vor nicht in Sicht. Sie wird jetzt für die Jahre 2023 bis 2029 erwartet. Solange sie nicht vorliegt, kann der gesamte Gebäudekomplex nicht abgerissen werden. Dieser Schritt wird jetzt für 2030/31 erwartet, sagt Markus Wentzke.

Der Elektroingenieur legt Wert auf die Bezeichnung Kraftwerksleiter, obwohl in Würgassen schon seit 1994 kein Strom mehr erzeugt wird. Damals waren bei einer Revision feine Risse im Reaktorkern entdeckt worden; ein Jahr später beschloss Preussen-Elektra den direkten Rückbau des Siedewasserreaktors. „Solche Schäden sind auch bei anderen Siedewasserreaktoren festgestellt worden, aber unser ist der einzige, der deswegen stillgelegt worden ist“, erläutert Wentzke. In Kleinensiel wurde ein Druckwasser-Reaktor betrieben.

Der erste Rückbauer

1996 stellte Preussen-Elektra Wentzke als ersten Fachmann für den Rückbau ein. „Wir dachten damals, dass es fünf Jahre dauern wird“, sagt der Ingenieur und lacht. Rund 30 Besucher aus den Kernkraftstandorten Brokdorf, Brunsbüttel, Grohnde und Unterweser hören ihm zu; aus Stadland sind außer Klaus Rübesamen auch die Fraktionsvorsitzenden Siegmar Wollgam (SPD) und Hans Schwedt (WPS) dabei. Die Fraktionschefs Günter Busch (CDU) und Elke Kuik-Janssen (Grüne) sind der Einladung von Preussen-Elektra nicht gefolgt.

Rückbau war Neuland, als Markus Wentzke und seine Leute 1997 damit begannen. Sie haben verdammt viel dazugelernt seit damals, und gelernt haben sie auch durch Fehler. Markus Wentzke ist stolz darauf, dass der Rückbau fast abgeschlossen ist, und dass kein Fehler die Umwelt beeinträchtigt hat, wie er sagt.

Ein Fehler war, bei den schwach radioaktiv belasteten Teilen mit dem Rückbau zu beginnen und sich erst später der stärker strahlenden Teile anzunehmen. Denn je mehr Strahlung gemessen wird, desto länger dauert der Abbau. Die Konsequenz: Jetzt beginnt der Rückbau bei den stärker strahlenden Teilen, damit nicht so viel Zeit verloren geht.

Im Leistungsbetrieb waren knapp 500 Mitarbeiter auf der Anlage, die 670 Megawatt erzeugte – etwa halb so viel wie die in Kleinensiel. Beim Rückbau waren es durchschnittlich 450 Mitarbeiter, überwiegend von Fremdfirmen – ein kleines Konjunkturprogramm für die Region im Weserbergland, wie Markus Wentzke sagt. Rund eine Milliarde hat der Rückbau bislang gekostet.

Zwölf Mitarbeiter beschäftigt Preussen-Elektra jetzt noch auf der Anlage. Sie bereiten die Entlassung aus der atomrechtlichen Überwachung vor und betreiben die Zwischenlager. Dazu kommen vier Fremdkräfte für die Bewachung. Das Bürogebäude steht inzwischen leer und zeigt erste Anzeichen des Verfalls; die verbliebenen Mitarbeiter sind allesamt in die Pförtnerei umgezogen. „Der Rückbau ist interessanter als der Leistungsbetrieb“, sagt ein Ehemaliger, der inzwischen in Rente ist und Besucher durch die Anlage. „Jeder Tag bietet neue Herausforderungen.“

Das ehemalige Reaktorgebäude ist keine weiße Kuppel, sondern ein grauer Klotz, der sich bis zu 68 Meter hoch in den Himmel reckt, aber die Höhenzüge in direkter Nachbarschaft nicht überragt. Es ist inzwischen komplett freigemessen worden – auf 150 000 Quadratmetern. Das zeigen auch die Zeichen, von denen die Innenwände übersät sind. Was wie Graffiti aussieht und vom Maschinenraum über das Treppenhaus und den saalartigen, nahezu stockdunklen Turbinenflur bis zum Reaktorraum alle Wände bedeckt, sind Notizen. Strahlenmesstrupps haben Wände, Böden und Decken Quadratmeter für Quadratmeter mit ihren bügeleisenartigen Strahlenmessgeräten abgetastet und die Werte in Impulse pro Sekunde – kurz: ips – gemessen und aufgeschrieben. Wo sie zu hoch waren, wurden – teilweise mehrfach – Proben entnommen und im Labor untersucht.

Wände, Böden, Decken und Treppen – von allem ist nur noch der nackte Untergrund übrig. In den oberen Geschossen gibt es keine Lampen mehr, hier wird mit Taschenlampen oder – im Turbinenflur – mit einer großen Stehleuchte Licht verbreitet. Eine Funktion haben die Räume nicht mehr.

Zusage im November?

Draußen, im gleißenden Sonnenlicht, streckt ein umtriebiger Mann im blauen Sakko Klaus Rübesamen die Rechte entgegen. Der Mann heißt Stefan Mohrdieck und ist parteiloser Bürgermeister von Brunsbüttel, wo das Kernkraftwerk schon 2007 außer Betrieb gegangen ist. Brunsbüttel gehört der ASKETA an, einem Zusammenschluss von Kommunen mit kerntechnischen Anlagen. Stadland ist bislang noch nicht dabei. Aber Klaus Rübesamen will der Einladung zur nächsten alljährlichen Zusammenkunft gerne folgen. Denn für die Zwischenlager am Kernkraftwerk Unterweser bekommt die Gemeinde keine Gewerbesteuern, muss aber zusätzliche Aufwendungen, etwa bei der Feuerwehr, finanzieren. Da kann es nicht schaden, einem größeren Kreis anzugehören, der lautstark Entschädigungen fordern kann.

Das könnte eine weitere gute Nachricht für den Rückbau sein. Für November, sagt Almut Zyweck, die Sprecherin von Preussen-Elektra, erwartet das Unternehmen vom Umweltministerium die Genehmigung für Stilllegung und Rückbau sowie den Betrieb des Zwischenlagers Luna für schwach- und mittelradioaktive Stoffe sowie die Baugenehmigung für das Luna vom Landkreis. Kein Wunder, dass dessen Baudezernent Matthias Wenholt in Würgassen auch genau hingesehen hat.


Ein Video sehen Sie unter   www.nwz.online.de/videos 
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