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NWZonline.de Region Wesermarsch Wirtschaft

Nur zwei Prozent sind radioaktiv

05.03.2018

Rodenkirchen /Kleinensiel Viel Theorie, die bei Kritikern und Skeptikern aber offensichtlich keinen Meinungswandel bewirkte, brachte der zweite Bürgerdialog zum Rückbau des Kernkraftwerks Unterweser (KKU) am Samstag in der Rodenkircher Markthalle. Rund 20 Bürger, vorwiegend Mitglieder von Initiativen, waren der Einladung des Landkreises Wesermarsch gefolgt, um sich durch Vorträge und in Gesprächen mit Vertretern des KKU-Betreibers Preussen­elektra sowie von Behörden und Fachinstitutionen über die Deponierung der Rückbauabfälle zu informieren.

Neues Format

Dazu hatte sich die Prognos AG, die vom Landkreis mit der Organisation der jeweils drei Foren und Bürgerdialoge beauftragt ist, ein neues Veranstaltungsformat ausgewählt. Fand der erste Dialog in Form eines Marktplatzes mit verschiedenen Themenständen statt, so konnten Interessierte diesmal auf einem Stuhl in der Mitte des Zuhörerringes ihre Fragen an Referenten und Experten, darunter auch Vertreter des Niedersächsischen Umweltministeriums, richten. Davon machten aber nur wenige Besucher Gebrauch.

Beim Rückbau des KKU, für den seit vier Wochen die Genehmigung vorliegt, werde eine Gesamtmasse von 675 000 Tonnen Abfall entstehen. Davon entfielen 482 000 Tonnen Beton, Kabel und Stahl auf den erst in 13 Jahren beginnenden Abriss der konventionellen Gebäude, berichtete KKU-Leiter Gerd Reinstrom. Auch bei den Kontrollbereichen (Reaktor und Hilfsanlagen) seien 92 Prozent (193 000 Tonnen) Gebäudemassen. Diese ließen sich nach Reinigung und Messung dem Wertstoffkreislauf zuführen, weil das Abfallmaterial keinen weiteren Einschränkungen unterliege.

Weitere 11 900 Tonnen (6 Prozent), bei denen es sich um Bestandteile aus dem Kontrollbereich wie Kabel, Isoliermaterial, Rohrleitungen und Behälter handelt, könnten nach der Strahlenschutzverordnung uneingeschränkt oder zweckgerichtet (Deponierung, Verbrennung und Recycling) freigegeben werden. Nur 4200 Tonnen (2 Prozent) seien radioaktiver Abfall, der zunächst in dem auf dem KKU-Areal entstehenden Lager für radioaktiven Abfälle (Luna) zwischengelagert, bevor er in das dafür vorgesehene Endlage Konrad bei Salzgitter abtransportiert werde.

Da der Rückbau von innen nach außen erfolgt, werden laut Gerd Reinstrom in den ersten neun Jahren jeweils nur rund 50 Tonnen Abfall für eine Deponierung anfallen. Das seien zwei 2,5 Lkw-Ladungen. Nach dem bisherigen Kenntnisstand sei die kreiseigene Deponie Käseburg abfallrechtlich für die Aufnahme dieser Abfälle geeignet, erläuterte der KKU-Leiter.

Bevor die Abfälle entsorgt werden können, müssen sie jedoch freigegeben, also aus dem Atomrecht entlassen werden. Dies erfolgt durch eine Freimessung, die das Thema des Vortrages von Christian Küppers vom Ökoinstitut in Darmstadt war. Alles, was zum Kontrollbereich des Kraftwerks gehöre, gelte als radioaktiver Stoff, unabhängig davon, ob er tatsächlich mit der Radioaktivität aus dem Reaktor in Berührung gekommen ist.

Nach der gesetzlichen Strahlenschutzverordnung sei die Freigabe akzeptabel, wenn durch die freigegebenen Stoffe nur eine geringfügige Strahleneinwirkung auf den Menschen zu erwarten sei. Freigabe bedeute daher nicht, dass die Stoffe keine Radioaktivität enthalten. Das gebe es auch gar nicht, weil alles zumindest Spuren von Radioaktivität in sich habe. Die sei aber so gering, dass sie für Mensch und Umwelt unbedenklich sei. Für das Freigabeverfahren ist eine zulässige Dosis von 10 Mikrosievert im Jahr für die zusätzliche Strahleneinwirkung auf die Bevölkerung festgesetzt worden. Der Physiker des Öko-Instituts stellte den Besuchern das sehr theoretische Modell zur Ermittlung des Freigabewertes vor.

Analysen von Sickerwässern aus Deponien, auf die freigegebene Abfälle gebracht wurden, zeigten keine Hinweise auf den Austrag von Radioaktivität aus Kernkraftwerken, berichtete der Physiker Detlef Beltz vom TÜV Nord. Er erläuterte die wesentlichen Anforderungen, die die Strahlenschutzverordnung an die Deponie stellt. Dazu gehören eine Jahreskapazität von mindestens 10 000 Tonnen oder 7600 Kubikmeter sowie Bedingungen für die Basis- und Oberflächenabdichtung, die eine erhöhte Rückhaltung der Radionuklide im Deponiekörper und ein verstärktes oberflächliches Ablaufen des Wassers ohne Kontakt zum Abfall sichern.

Laut Detlef Beltz erfüllen nicht alle Deponien die Anforderungen der Strahlenschutzverordnung. Würden die nicht erfüllt, sei aber ein Einzelnachweis möglich. Die Prüfung müsse durch unabhängige Gutachter erfolgen. Die Einhaltung des Konzepts für die Aufnahme von freigegebenen Abfällen könne dann auch durch zusätzliche Restriktionen sichergestellt werden.

Besorgte Bürger

Die Deponierung der KKU-Abrissabfälle werde im Klageverfahren eine bedeutende Rolle spielen, kündigte Hans-Otto Meyer-Ott im Namen der Bürgerinitiativen an. Sie üben heftige Kritik an Deponierung und Freigabeverfahren. „Der TÜV hat auch bei den Autos viele Jahre geprüft und nichts gesehen. Uns wurde eine Sicherheit vorgegaukelt, die es gar nicht gibt“, sagte ein älterer Besucher und machte damit deutlich, dass das Vertrauen der Bürger in Gutachter und Prüfstellen geschwunden ist.

Rolf Bultmann
Nordenham
Redaktion Nordenham
Tel:
04731 9988 2202

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