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NWZonline.de Region Wesermarsch Wirtschaft

Gerettet aus dem Staub von 250 Jahren

04.04.2019

Rodenkirchen Dreck, Staub und Mäusekötel erwarteten die beiden Männer, die der Vergangenheit Rodenkirchens auf den Grund gehen wollten. Manfred Kirsch und Eckhard Meyer mussten sich grobe Arbeitskleidung überziehen, um die Akten aus mehr als zwei Jahrhunderten sichten zu können. Vier Jahre ist das jetzt her, und die Arbeit ist immer noch nicht ganz vollendet.

2500 Stunden Arbeit

Rund 2500 Stunden haben sich der 71-jährige frühere Diplom-Kaufmann Eckhard Meyer und der 69-jährige Industriekaufmann Manfred Kirsch um den schriftlichen Nachlass gekümmert. Bald gesellte sich ihnen ein dritter Ruheständler hinzu: der 67-jährige frühere Schulleiter Jan Bahlmann.

Jahrzehntelang hatten die Akten auf dem Dachboden der Grundschule Rodenkirchen geschlummert und dabei nicht nur Staub angesetzt. 2015 transportierte der Bauhof der Gemeinde Stadland die Kisten zum Archiv des Rüstringer Heimatbundes an der Schulstraße in Nordenham. Und dort begannen die drei ehrenamtlichen Archivmitarbeiter mit der Sichtung der Unterlagen.

Die Kisten und Bündel enthielten Armenrechtsunterlagen aus den Jahren ab 1770 – damals war der König von Dänemark noch Landesherr in Rodenkirchen –, Kirchspielrechnungen ab 1795 – damals war Peter Friedrich Wilhelm Herzog von Oldenburg – und Eingesessenenverzeichnisse der einzelnen Bauerschaften bis 1935, als der Nazi Carl Röver in Oldenburg regierte.

Rund 20 000 Dokumente

Knapp 20 000 Einzeldokumente enthielten die Kisten und Bündel, die die drei Ehrenamtlichen entwirren und neu zuordnen mussten. Darunter waren 327 Haushaltsbücher von 1795 bis 1972, 124 Steuerbücher und Hebelisten, 143 Bücher mit Armen- und Wohlfahrtsrechnungen und 15 Protokollbücher.

Die Unterlagen wurden und werden nach Sachgebieten sortiert, archivgerecht aufgearbeitet und in Findbüchern niedergeschrieben. „Damit werden wohl noch ein gutes Jahr beschäftigt sein“, schätzt Eckhard Meyer.

Sachgebiete sind das Einwohnermeldewesen, das Sicherheitswesen, also Feuerwehr und Polizei, Wohnungs- und Siedlungspolitik, Schulwesen, Soziales, Handels- und Gewerbesachen und Bauwesen- und Infrastruktur. Allein für den Bereich Bauwesen und Infrastruktur sichteten die Archivare l700 Dokumente. Ein Teilgebiet darin ist das Elektrizitätswesen von 1925 bis 1947, für das Meyer, Kirsch und Bahlmann 165 Dokumente fanden. „Es ist schon interessant, wer alles eine Straßenlampe vor der Haustür haben wollte“, fiel Meyer beim Studium der Akten zum Thema Ortsbeleuchtung zwischen 1931 und 1935 auf.

Manfred Kirsch befasste sich am Beispiel der Erteilung von Eisenbezugsrechten mit der Rationierung von speziellen Versorgungsgütern im Zweiten Weltkrieg. Ab dem 1. September 1939 wurde die Bewirtschaftung von Lebensmitteln und Gebrauchsgütern neu organisiert. Bezugsscheine gehörten nun auch zum Alltag in der damaligen Gemeinde Rodenkirchen. Die beantragte beispielsweise beim Landwirtschaftsamt Weser-Ems für ihr Altenheim eiserne Kochtöpfe als Ersatzbeschaffung für zwei „nicht reparable Töpfe“.

Die Nazis rationierten

Die Antwort kam schnell: Für Töpfe mit einem Durchmesser von mehr als 30 Zentimeter werden keine Bezugsscheine ausgestellt, es sind Eisenbezugsrechte notwendig. Ende August 1943 beantragt, bekam die Gemeinde am 14. Dezember 1943 von der Reichsstelle für Technische Erzeugnisse (RTE) einen Scheck für zwei große große Kochtöpfe mit einem Fassungsvermögen von 30 bis 40 Liter. „Ob die ab noch rechtzeitig zum Weihnachtsfest im Altenheim angekommen sind, konnte ich nicht mehr feststellen“, sagte Kirsch.

Ähnlich verlief der Antrag auf Zuteilung von Eisenbezugsrechten für die Warmwasserheizungsanlage im Spritzenhaus Schwei, das damals zu Rodenkirchen gehörte. Die Gemeinde hatte 1941 beim Deutschen Gemeindetag einen Bedarf über 400 Kilogramm Eisen angemeldet. Begründen konnte sie das gut mit der Anordnung des Landesbranddirektors, dass die Spritze auch im Winter jederzeit einsatzbereit sein müsse. Ein Jahr später wurde ein Bezugsrecht über 175 Kilo für die Anschaffung eines Heizkessels von der Gemeinde an den örtlichen Installateur F. Lührs weitergereicht, wenig später noch mal über 250 Kilo für einen Heizkörper und über 50 Kilo für die Rohre.

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