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Geschichte: Goldbrosche für die Irmgard von der Post

29.11.2017

Stollhamm Irmgard Köhler sitzt in ihrem Sessel am Fenster in der guten Stube in Stollhammer Ahndeich – „und versteht alles“, wie ihr Sohn Jürgen versichert. Für die betagte Dame, die vor allem vielen älteren Butjentern bestens in Erinnerung sein dürfte, ist es ein großer Tag. Gleich wird sie von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi geehrt, der sie seit 60 Jahren treu ist.

Alte Weggefährten von der Post haben sich zu der kleinen Feierstunde eingefunden. Heinz Meinschien aus Brake, Vorsitzender der Seniorengruppe im Verdi-Ortsverein Wesermarsch, überreicht eine goldene Brosche und die vom Bundesvorsitzenden Frank Bsirske unterschriebene Ehrenurkunde.

„Wir kennen uns auch“, begrüßt die 93-jährige Irmgard Köhler den Gewerkschafter aus der Kreisstadt. Noch besser aber kennt sie die alten Postkollegen Werner Heinen aus Stollhamm, Doris Werthschulte aus Nordenham und Gero Wieker aus Brake, die alle zu Kaffee und Kuchen nach Ahndeich gekommen sind. Schnell kommen Erinnerungen hoch, und die Postsenioren plaudern angeregt über alte Zeiten.

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Er wisse keine Frau in der Gegend, die seit 60 Jahren Gewerkschaftsmitglied ist, sagt der frühere Stollhammer Postamtsleiter Werner Heinen. Zunächst war Irmgard Köhler in der Deutschen Post-Gewerkschaft organisiert, die dann in der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi aufging. So sind die sechs Jahrzehnte zusammengekommen.

Am 19. Juni 1957 wurde Irmgard Köhler zur Posthalterin in der Poststelle Stollhammer Ahndeich ernannt. „Briefe und Pakete wurden auf dem Küchentisch ausgekippt und sortiert“, erinnert sich Irmgard Köhlers 67-jähriger Sohn Jürgen, der sich zusammen mit Betreuerin Boguscha Nowakowska liebevoll um seine Mutter kümmert.

Die Poststelle befand sich im 1928 gebauten Elternhaus, in dem Irmgard Köhler zusammen mit ihrer Mutter Sophie auch noch einen Gemischtwarenladen betrieb; das Geschäft war ebenfalls 1928 eröffnet worden. „Bis zum 31. Dezember 1959 galt die Zustellung als Fußtour, später war Irmgard Köhler mit dem Fahrrad und dem Moped unterwegs“, ist in dem 2016 vom Rüstringer Heimatbund herausgegebenen Buch „Die Postgeschichte des Butjadinger Landes“ nachzulesen.

„Mama war so stolz, als sie ihr erstes Moped, eine NSU Quickly, bekam“, erzählt Jürgen Köhler. Immerhin bedeutete die Motorisierung eine erhebliche Arbeitserleichterung. War die tägliche Wegstrecke zunächst 19,7 Kilometer lang, so verringerte sie sich ab 1979 in Folge von Reformen auf 16,7 Kilometer. 1964 hatte die Oberpostdirektion Bremen die Genehmigung erteilt, die Postzustellung mit dem Privat-Wagen zu erledigen, wollte aber das Benzingeld nicht bezahlen. Dafür habe dann die Gewerkschaft gesorgt, kann sich Jürgen Köhler erinnern.

In den fast 27 Jahren als Zustellerin hat Irmgard Köhler 140 000 Kilometer zurückgelegt. Rund 8000 Mal überschritt sie dabei die Schwellen der von ihr betreuten Häuser rund um Ahndeich. 1984 war dann Schluss, die Poststelle wurde aufgelöst; die Zustellung erfolgte nun vom Postamt Stollhamm. Den Tante-Emma-Laden betrieb Irmgard Köhler bis 2001 – die Euro-Umstellung am 1. Januar 2002 wollte sie sich nicht mehr antun. Die Einrichtung des Ladens ging ans Museum Moorseer Mühle.

Derweil gibt es am Stollhammer Ahndeich bis heute eine gut sichtbare Verbindung zur Post: Der gelbe Briefkasten hängt nach wie vor am Haus der Köhlers – und wird noch werktäglich geleert.

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