• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Wesermarsch Wirtschaft

Unterbezahlt und überfordert: Keine Lorbeeren für Erzieherinnen

10.04.2015

Nordenham „Warum?“, fragt eine Stimme von unten. Zwei blaue Kulleraugen warten auf Antwort. Normalerweise stelle ich die Fragen. Heute nicht. Statt Interviews führen, Meldungen schreiben, E-Mails checken und Pressetermine besuchen, muss ich Brötchen schneiden, Schuhe anziehen, Popos abwischen und Kaufmannsladen spielen. Noch Fragen?

Ich bin heute Kindergärtnerin. Obwohl das nicht mehr so heißt, wie ich gleich in der Früh erfahre: „Wir sind keine Gärtner, die dem Nachwuchs beim Wachsen zugucken“, sagt Evelyn Gang. Das war auch schon vor 33 Jahren nicht so, als sie sich zur Erzieherin hat ausbilden lassen.

Die Zeiten haben sich dennoch geändert. Nicht zum Guten: Die Leiterin der Kindertagesstätte Mitte spricht von fehlender Wertschätzung, Fachkräftemangel – schlechten Bedingungen. Es gibt viel zu tun. Sie schiebt mich durch eine Tür: „Heute ist es ruhig“, sagt sie. Magendarmgrippen- und ferienbedingt hat sich meine wilde Horde auf etwa die Hälfte dezimiert: 13 statt der üblichen 25 Dreikäsehochs wollen bespaßt, betreut, bemuttert werden. Alles auf einmal.

Wie viel ist Bildung und Erziehung wert?

Gefordert wird von Verdi, dem Beamtenbund und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die bundesweit rund 240 000 Beschäftigten im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst in höhere Entgeltgruppen einzustufen. Im Schnitt würde das zehn Prozent mehr Lohn bedeuten.

Aktuell verdient eine Erzieherin im ersten Jahr 1999 Euro – brutto. Während der vierjährigen Ausbildung gibt es kein Geld.

In Nordenham sind 90 Erzieherinnen angestellt – darunter nicht ein Mann.

Während Kenan großzügig Butterbrot über den Tisch verteilt und Mathis Krümelmonster spielt, will Alena, dass ich ihren Nachnamen rate. „Tomm“, sagt jemand. Die dazugehörende, klebrige Patschhand zerrt mich quer durch den Gruppenraum. Mit der anderen öffnet Tyr zielsicher die Schublade mit Schlickerzeug. „Nicht vor dem Mittagessen“, sage ich. Stolz. Keiner gratuliert zu meinen didaktischen Fähigkeiten.

Heide Schlack und ihre Kollegin sind mit Frühstückskrümel wegfegen, Abwaschen, Taschen packen und Toilettenbegleitung befasst. Angefangen haben sie um sieben Uhr morgens. Dann kommen die ersten Kinder. Vorher muss Tee gekocht, gelüftet, geheizt werden. Ab acht brennt die Hütte: 140 kleine Nordenhamer besuchen die Ganztagseinrichtung.

Die Jüngsten, in der Krabbelgruppe, sind sechs Monate alt. Füttern, Wickeln und erste Schritte üben, gehören nicht nur bei den Babys zum Job der insgesamt 15 Erziehrinnen. „Die Eltern überlassen uns immer mehr. Manche sind mit vier noch nicht trocken. Einige können nicht richtig essen“, sagt Heide Schlack und hebt die Schultern: „Die Kinder können ja nichts für Versäumnisse der Eltern.“ Dagegen allerdings sollen die Erzieherinnen etwas tun. Nicht nur Supernanny, auch Krankenschwester, Putzteufel, Sekretärin, Kantinenfrau, Sozialarbeiterin, Psychologin und Lebensberaterin für junge Mütter und Väter sollen sie und ihre Kolleginnen sein, sagt Kita-Chefin Evelyn Gang. Sie zeigt mir die Projekttafel im Eingangsbereich: Als „Haus der kleinen Forscher“ hat der Kindergarten Mitte sich naturwissenschaftlichen Themen verschrieben.

Kellnern nach Kita-Job

Das Zwergen-Curriculum stellen die Erzieherinnen meist nach Dienstschluss zusammen. Der ist übrigens für Heide Schlack an diesem Tag um 17 Uhr. Ich kriege Ohrensausen. Und danach? „Arbeite ich an der Tankstelle. Früher bin ich kellnern gegangen“, sagt sie, „aber das macht der Rücken nicht mehr mit.“ Während zwei Vierjährige auf meinen Knien sitzen, frage ich mich, ob Bier zapfen wohl anstrengender ist. „Warum gibt es braunen und weißen Zucker?“, fragt mich einer der Schoßbelagerer. Eigentlich wollen wir die süßen Brocken unter die Lupe nehmen. Offensichtlich macht es aber mehr Spaß, die Vergrößerungsgläser auseinanderzuschrauben – immer dann, wenn ich die Dinger wieder zusammengefummelt habe.

Beleidigt stapfe ich treppauf in den Spielebereich – und werde mit leeren Eierkartons beworfen. Dann platzt mein Trommelfell fast, weil Alena und Tyr gleichzeitig „jehehtz“ brüllen: Jetzt Schuhe anziehen, jetzt gucken, jetzt Apfelschnitzel vom Boden aufheben. Kinderkram. Vielleicht übe ich lieber im Krabbelgruppenbereich.

„Gernö“, flötet Evelyn Gang und begleitet mich zu den Unter-Dreijährigen, wo mich schon die Pampers-Träger erwarten: Wickeln am Fließband. Dufte. Aber Alissa weist mich ein: Die Dreijährige hebt erst Arme, dann Popo und wartet geduldig, bis wir die Sache sauber vom Wickeltisch haben. Danach soll ich in ihren Kaufmannsladen kommen, wo mir angesabberte Plastikmünzen in die Hand gedrückt werden. „Wir räumen jetzt auf“, schlage ich vor. Es soll nämlich auf den Spielplatz gehen. Irgendwie kann ich mich nicht durchsetzen und robbe alleine Legosteinen und Schnullern hinterher.

Vier Jahre für lau

„Soll ich Gummistiefel anziehen?“, fragt Kenan. Was weiß ich. Nicht viel, stelle ich fest. Erzieherin sein ist kein Zuckerschlecken. Während Heide Schlack Kandisreste und Lupen wegräumt und Kenan erklärt, dass kein Gummistiefelwetter ist, erzählt sie von der vier- bis fünfjährigen Erzieherinnenausbildung, in der es kein Geld gibt. Sie wird mitstreiken und ihr Recht einfordern. „Die zu betreuenden Kinder werden immer mehr – das Personal weniger“, sagt ihre Chefin, Evelyn Gang. Sie muss jetzt Mittagessen vorbereiten. Ich bin erstmal fertig.

Während ich mich auf den Weg in die Redaktion und meine Ohren mit Stille vertraut mache, laufen in Düsseldorf erneute Tarifverhandlungen. Evelyn Gang rechnet sich wenig Chancen aus. Vielleicht müssten nicht nur die Stimmen von unten fragen: „Warum?“

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2106
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.