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NWZonline.de Region Wesermarsch Wirtschaft

„Wesermarsch und Wolf: Das passt nicht“

25.03.2017

Brake Auch wenn es bisher in der Wesermarsch keine bestätigte Wolfsichtung gibt, ist die Rückkehr des Raubtieres in das Gebiet ein Thema, das die Menschen schon jetzt bewegt. Mehr als 150 Interessierte waren der Einladung des Berner CDU-Abgeordneten Björn Thümler gefolgt und am Donnerstagabend in die Gaststätte „Zur Rosenburg“ gekommen. Dorthin hatte der CDU-Fraktionsvorsitzende im Niedersächsischen Landtag auch fünf Experten gebeten, um mit ihnen und dem Publikum über die mögliche Ankunft des Beutegreifers aus Artenschutzsicht, vor allem aber aus Sicht der Weidetierhalter und Menschen zu diskutieren. Tenor nach zwei Stunden: „Der Wolf und die Wesermarsch: Das passt nicht!“

Thümler hatte eingeladen, „nicht um Ängste zu schüren, sondern um zu informieren“. Dafür zuständig waren Raoul Reding, Wolfsberater der Landesjägerschaft, Franz-Otto Müller, Wolfsberater des Landkreises Wesermarsch, Helmut Dammann-Tamke, Vorsitzender des Arbeitskreises Landwirtschaft der CDU-Landtagsfraktion, Dr. Karsten Padeken, Vorsitzender des Kreislandvolkes Wesermarsch, und Heiko Schmidt, Vorsitzender des Landesschafzuchtverbandes Weser-Ems.

Eindrucksvoll schilderte Kay Krogmann seine Erfahrungen mit Wolfsrissen und der Landesregierung. Acht Übergriffe durch Wölfe hat der Schafzüchter aus dem Landkreis Cuxhaven seit 2012 erdulden müssen: „Eine Herde haben die Wölfe über den ganzen Ort verteilt“, schilderte er Bilder von toten und halbtoten Tieren. „Das geht bis tief in die Familie rein, ich habe Hilfe benötigt. Man lebt jeden Tag mit der Angst. Das ist die Hölle.“

Sieben Punkte

Die CDU-Fraktion im Landtag hat einen Sieben-Punkte-Plan für einen nachhaltigen Umgang mit dem Wolf zur Entschließung eingebracht. Darin heißt es: Daher fordert der Landtag die Landesregierung auf,

1. die Beweislastumkehr für Billigkeitsleistungen bei Nutztierrissen nach dem Vorbild des Freistaates Sachen sofort umzusetzen, und die Mittel für Prävention und Entschädigungen unbürokratisch auszuzahlen,

2. Wölfe, die sich vermehrt menschlichen Siedlungen nähern oder durch wiederholte Nutztierrisse auffallen, zu entnehmen,

3. über die Umweltministerkonferenz – abgestimmt zwischen den Bundesländern und unter Einbeziehung der europäischen Nachbarstaaten – den niedersächsischen Beitrag zum stabilen Erhalt der Population (Anzahl der Rudel) des westeuropäischen Wolfes zahlenmäßig festzulegen,

4. die niedersächsischen Rudel, die in diesen Erhalt einbezogen werden, zu identifizieren, zu schützen und mindestens ein Tier aus jedem Rudel (vorzugsweise Elterntiere) zu besendern,

5. den Wolf ins niedersächsische Jagdrecht aufzunehmen und die Überführung in den Anhang V der FFH-Richtlinie anzustreben,

6. die Bejagung abwandernder Jungwölfe und Einzelgänger zu gestatten und

7. Rudel, die sich – durch Senderdaten belastbar bewiesen – verstärkt Siedlungen nähern oder durch wiederholte Nutztierrisse auffallen, durch die Tötung und Entfernung eines Jungtieres aus dem Rudelverband zu konditionieren.

Aufgrund der Datenlage könne festgestellt werden, dass die zentraleuropäische und die nordostpolnisch-baltische Population zusammengewachsen sind. Damit seien alle artenschutzrechtlichen Kriterien für die geforderten Eingriffe erfüllt.

„Ich kenne keine Mittel, die Tiere zu schützen“, meint der Züchter allerdings auch. „Was gemacht wird, ist sinnlos.“ Herdenschutzhunde seien kaum einsetzbar. Diese seien in Anschaffung und Unterhalt einfach zu teuer. Zudem dürften sie in touristischen Gebieten nicht eingesetzt werden.

Besonders hart für Krogmann auch, dass er keine Unterstützung mehr vom Ministerium in Hannover bekomme. „Wir sind an einem Punkt angekommen, wo es nicht mehr funktioniert“, hadert er mit der Politik. Naturschutzverbänden warf er vor, mit Wolfspatenschaften viel Geld zu verdienen.

Doch nicht nur Wölfe setzen den Schafzüchtern schwer zu. Alke Feise-Addicks aus Ovelgönne-Neustadt hat Ende 2015 durch einen Hund 27 Schafe verloren – zwei wurden gerissen, 25 ertranken in einem Graben. Auch sie schilderte vor allem die psychische Belastung eines solchen Angriffs.

Apropos Hunde: Die seien aktuell das viel größere Problem, so Müller. Streunende Hunde seien wahrscheinlich für sämtliche der acht gemeldeten Nutz- und Wildtierrisse der vergangenen Jahre in der Wesermarsch verantwortlich. Wolfs-DNA habe jedenfalls in keinem Fall nachgewiesen werden können. Dabei kritisierte er allerdings auch das derzeitige Verfahren der Meldungen. So hätten nicht in jedem Fall Spuren gesichert werden könne.

Auch unter den Zuschauern war eins Konsens: Je länger wir warten, desto größer werde das Wolfsproblem. Thümler fasste es so zusammen: „Wir müssen nachdenken, wie eine Vergrämung funktioniert, wann wir sie beginnen und dem Wolf beibringen, dass er nicht in die Region kommt. Die Wesermarsch muss wolfsfreies Gebiet bleiben.“

Die Kernaussagen der Experten:

Raoul Reding

Der Wolf kann überall hinkommen. In Osterholz vermuten wir neue Vorkommen. Der Wolf ist enorm anpassungsfähig und mobil. Wir werden es nicht schaffen, die Grenze des Landkreises vollständig dicht zu machen. Mir sind keine Mittel bekannt, wie wir bestimmte Gebiete frei halten können. Eine mögliche Regulierung hängt sehr vom Jagddruck ab. Ich weiß nicht, ob eine Regulierung flächendeckend möglich ist. Mit den heute legalen Mitteln der Jagd ist der Wolf nicht auszurotten.

Franz-Otto Müller

Ich warte darauf, dass der Tag X kommt. Auch wenn die Möglichkeit nicht sehr hoch ist, kann ich mir vorstellen, dass ein Wolf in die Wesermarsch kommt. Und dann bleibt kein Auge trocken. Ich habe keine Idee, wie wir den Wolf aufhalten können. Vergrämungen müssen umfangreich sein und sind kostspielig.

 Helmut Dammann-Tamke

Das EU-Recht lässt eine Regulierung der Wolfspopulationen zu, wenn diese einen guten Erhaltungszustand haben. Das ist der Fall, wenn die Populationen im Osten und Westen zusammengewachsen sind. Das muss Bundesumweltministerin Barbara Hendricks nun feststellen. Die Politik ist in absehbarer Zeit gefordert festzulegen, wie wir mit dem Wolf leben wollen. 50 Kilometer entlang der Hauptdeichlinie müssen wolfsfreie Gebiete sein, weil mir niemand erklären kann, wie man Schafe schützen kann. Wir brauchen eine klare Position im Sinne der Nutztierhalter und aller Menschen hier. Für den Wolf als Kulturfolger gibt es freie Reviere und Nahrung. Und da kennt die Natur nur eine Richtung: exponentielles Wachstum. Wenn die Politik zu lange wartet, wird es schwer, die Population mit legalen jagdlichen Mitteln einzudämmen. Es kann nur ein gedeihliches Miteinander geben, wenn wir dem Wolf beibringen, dass er sich von Menschen und Nutztieren fernhalten muss. Wenn die Wölfe über jagdlichen Druck so konditioniert werden, dass sie nicht am helllichten Tag über den Hof laufen, steigert das die Sicherheit von Mensch und Tier.

Dr. Karsten Padeken

Weidegebiete sind keine Wolfsgebiete. Wir bauen ein Weidemilchprogramm auf, da wären Übergriffe nicht positiv. Die Tierhalter können es wirtschaftlich gar nicht leisten, die Felder einzuzäunen. Wir müssen es irgendwie schaffen, die Wesermarsch über intelligente Managementpläne vom Wolf frei zu halten, mindestens aber, dessen Bestände zu regulieren.

Heiko Schmidt

Wenn der Wolf kommt, wird es zu spät sein. Wir müssen im Vorfeld handeln. Eine Einzäunung ist in der Wesermarsch mit mehr als 60 000 Schafen aufgrund der vielen kleinen Flächen nicht möglich. Ich kenne nur einen Ausweg: entweder Wolf oder Landwirtschaft. In letzter Konsequenz müssten die Tiere im Stall gehalten werden. Das wird die Landschaft stark verändern. Und die Schafhalter würden reihenweise aufgeben. Für die Halter geht es nicht um die Entschädigung, es geht um die Psyche. Wir haben eine verdammt komische Regierung: Der eine gibt Zuschuss für Weidemilch, der andere schickt mir den Wolf auf den Hals.

Markus Minten Redaktionsleitung Brake / Redaktion Brake
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