WESTERSTEDE - 29. Mai 1979, ein Dienstag. Im völlig überfüllten Saal des Hotelbetriebs Busch warten viele Menschen mit großer Spannung auf den Auftritt von Dr. Ernst Albrecht (CDU). Als der damalige niedersächsische Ministerpräsident und Kanzlerkandidat den Raum betritt, brandet Beifall auf. Albrecht lächelt seinen Zuhörern zu, bedankt sich für den freundlichen Empfang in Westerstede. Weniger entspannt wirken die Männer vom Staatsschutz. Auch vor fast 30 Jahren hatte Sicherheit oberste Priorität.
Als Albrecht ans Rednerpult treten will, geschieht etwas Unerwartetes: Mehrere Vietnamesen sind im Saal und gehen auf den prominenten Politiker zu. Die ehemaligen Flüchtlinge bedanken sich bei Albrecht für die Aufnahme in Niedersachsen. 1000 Männern, Frauen und Kindern hatte die Landesregierung mit Unterstützung von Städten und Gemeinden ein neues zu Hause gegeben. 60 kamen nach Westerstede. Auch viele Privatpersonen schlossen sich den Hilfsaktionen an.
Doch zurück ins Hotel Busch. Hier hält Albrecht an jenem 29. Mai 1979 inzwischen eine temperamentvolle Wahlkampfrede, lässt kein gutes Haar an Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD). Später spricht sich der überraschende Kontakt zwischen dem Politiker und den vietnamesischen Familien beinahe in ganz Deutschland herum. Die ARD erbittet von der NWZ kurz darauf ein Pressefoto, das Albrecht bei seinem Auftritt in Westerstede zeigt. Das Bild erscheint im ARD-Jahrbuch 1980.
Auch heute wohnen und arbeiten noch zahlreiche Ex-Flüchtlinge in Westerstede. Die meisten wollen nicht zurück.
