WIESMOOR - An Weihnachten wird in vielen Familien gesungen. Die Kinder holen ihre Gitarre oder Blockflöte hervor und spielen 'Oh Tannenbaum' oder 'Stille Nacht'. Auch bei Roßmüllers in Wiesmoor wird über die Feiertage musiziert. Allerdings schlägt Gerhard Roßmüller, Kopf der Familie, Töne an, die in dieser Region relativ untypisch sind. Er ist Dudelsackspieler und hat diese Leidenschaft vor neun Jahren für sich entdeckt.

'Die Kultur und Musik Schottlands hat mich schon immer fasziniert', erzählt er. Und so packte er all seinen Mut zusammen und bestellte sich einen Dudelsack. Dieser wurde von 'Pipemachern' in Schottland einzelangefertigt. 'Über zwei Monate musste ich darauf warten', erinnert sich Roßmüller, der zuvor ein Jahr mit einer Praxis-Chanter, also einer Pfeife ohne Luftsack, üben musste, bis er die richtigen Griffe und das perfekte Blasen beherrschte. Dabei stand ihm Herbert Bartmann aus Oldenburg zur Seite, bei dem er nach wie vor einmal wöchentlich Einzelunterricht nimmt.

Als der Dudelsack dann endlich per Post ankam und der Wiesmoorer Fahrradhändler Roßmüller voller Elan und Vorfreude mit dem Spielen des Instruments beginnen wollte, da wurde ihm schnell klar, dass dafür noch viele weitere Übungs- und Unterrichtsstunden nötig sein würden. Denn mit Luft in den Sack blasen und sie mit dem Arm einfach wieder herausdrücken ist es bei weitem nicht getan. Der Dudelsack besteht nämlich aus zwei Tenordrones, einem Basedrone (der großen Pfeife oben), der 'Blowpipe', mit der man die Luft in den Sack bläst, und der Spielflöte, dem 'Chanter' – Teile des Instrumentes, die bedient werden müssen, damit daraus schöne Töne und weitergehend Lieder erklingen. Also perfektionierte Gerhard Roßmüller unter Anleitung seines Lehrers Grifftechnik, Bauchzwerchfellatmung und Lippenmuskulatur. 'Es hat ungefähr noch einmal ein Jahr gedauert, bis es vernünftig nach etwas klang', berichtet der zweifache Vater, der in den Anfängen von seiner Familie zum Üben ausquartiert wurde. Man muss beim Spielen bedenken: Die Lautstärke des traditionellen Instruments ist nicht beeinflussbar. Und deshalb gibt es neben dem bekannten großen Dudelsack auch noch eine kompaktere Version, die sogenannte 'Small Pipe', die leisere Töne wiedergibt und Roßmüller zum Spielen in Innenräumen nutzt.

Sein tägliches Training absolviert der Wiesmoorer allerdings am liebsten auf dem großen in weinrot gehaltenen Dudelsack. Ein prachtvolles Instrument, mit dem er ums Ottermeer marschiert und auch die Freilichtbühne 'unsicher macht'. 'Dort ist eine wunderschöne Akustik, und ich kann den Alltagsstress vergessen', sagt er. Wenngleich es ihm ab und an doch in den Fingern juckt, an Wettbewerben teilzunehmen, so beschränkt er seine Auftritte doch auf Familienfeierlichkeiten und Hochzeiten. Auch auf dem Esenser Schützenfest war Roßmüller schon zu Gast und spielte jüngst am dritten Advent auf dem Weihnachtsmarkt im Torf- und Siedlungsmuseum in Wiesmoor. Sein Repertoire umfasst mit 30 Liedern hauptsächlich schottische Weisen und Volkslieder.

Gerhard Roßmüller macht aber nicht nur lautstark auf sich aufmerksam. Auch sein stilechtes Outfit zieht die Blicke auf sich. Er trägt einen 'Wedding-Dress' (Hochzeitsanzug), der von einem Kiltmacher in Hamburg maßgeschneidert wurde. Darunter kleidet ihn ein weißes Hemd mit schwarzer Weste und Schlips oder Fliege. Als Kopfbedeckung kann er zwischen einem 'Glangerry' (Kappe) oder einem 'Balmoral' (Barrett) wählen, echte Kiltschuhe und -strümpfe perfektionieren das Bild.

Was natürlich nicht fehlen darf, dass ist der karierte Kilt, den meisten besser als Schottenrock bekannt. Und was er darunter trägt, wird wie ein gutes Geheimnis gehütet. Gerhard Roßmüller ist eben ein waschechter Dudelsackspieler.