WIESMOOR - Flink bewegt Andrea Reitmeyer ihren Stift über ihr Grafiktablett. Jeder Strich sitzt. Ovale Kreise entstehen - und daraus nach und nach eine kleine Biene auf dem Bildschirm ihres Computers. 'Das ist Hermine', erzählt die Illus-tratorin und Autorin. Die kleine Wildbiene ist die Protagonistin in ihrem neuen Kinderbuch 'Kleine Biene Hermine, wo bist du zu Haus?'.
Immer wieder tippt die 39-Jährige mit ihrem Stift auf das Tablett. Sie wählt Farben aus. Zunächst färbt sie den Bienenkörper gelb, dann folgen die typisch braunen Streifen. Mit dunklen Tönen erzeugt sie Schatten. Dadurch wirkt die Biene plastisch. Hochkonzentriert arbeitet die studierte Kommunikationsdesignerin. Währenddessen erklärt sie, wie ihre Kinderbücher entstehen.
Aus den Bildern im Kopf entsteht ein Storyboard
'Ich bin ein sehr visueller Typ, ich habe immer zuerst die Bilder im Kopf.' Und genau diese sind Ausgangspunkt für ihre Geschichten. In ersten 'wilden Skizzen' hält sie ihre Ideen in einem kleinen Notizbuch, das sie fast immer bei sich trägt, fest. 'Danach digitalisiere ich die Entwürfe.' Mit einem Stift für ihr Zeichentablett überträgt sie die Bilder in ein Designprogramm. Sie erstellt einen visuellen Ablauf der Geschichte, die die späteren Buchseiten darstellen. Dann schreibt sie die Texte zu den Bildern.
'So entsteht ein Storyboard', erklärt die gebürtige Ostfriesin. Das Storyboard schickt sie zu ihrem Verlag. Anhand dieses zeichnerischen Konzeptes kann der Verlag einen ersten Eindruck gewinnen, 'wohin die Reise geht'. 'Die Lektoren überarbeiten die Texte und schlagen weitere Ideen vor.' Auch die visuelle Gestaltung kann sich zu diesem Zeitpunkt nochmals ändern. Ihre Bilder sollen dabei den Text untermalen, aber nicht das Gesagte zusätzlich zeigen. Sie sollen eine neue Ebene in das Buch bringen, die die Fantasie der Kinder zusätzlich anregen soll.
'Ist der Verlag mit dem Storyboard zufrieden, beginnt die richtige Arbeit', sagt Andrea Reitmeyer. Es geht an die Feinarbeit - ihre detaillierten und wunderschönen Bilder für das Buch entstehen. 'In dieser Phase experimentiere ich viel herum. Ich merke, was gut funktioniert und was nicht.' Sie testet verschiedene Farben und Muster für ihre Charaktere, Gegenstände und Landschaften aus. Für Muster und Strukturen scannt sie verschiedene Materialien ein wie beispielsweise Alufolie, Stoffmuster oder Farbspritzer. Diese fügt sie dann bei ihren Figuren ein. So bekommen ihre Bilder interessante Oberflächen. 'Das ist total spannend, wenn man dann sieht, was am Ende auf dem Bildschirm erscheint.' Denn in der Illustration erkennt man oft nicht mehr, was sie eingescannt hat - aus Bananenpapier wird ein Strand. Auch ihre Pinselstriche digitalisiert sie, indem sie Farbtupfer auf ein Blatt Papier aufträgt, einscannt und daraus dann in ihrem Designprogramm einen digitalen Pinselstrich erstellt. 'Damit kann ich dann malen.' So entstehen ihre Illustrationen nahezu komplett digital.
Wie eine Wildbiene niedlich wird?!
Ein besonderes Augenmerk legt sie auch auf ihre Charaktere. Sie zeigt auf den Bildschirm ihres Computers auf die kleine Biene Hermine. 'Bienen sind per se keine süßen Tiere. Damit Hermine niedlich aussieht, habe ich viel herum probiert.' Eine Mütze stand der Biene nicht, doch eine Schleife an ihren Fühlern und eine süße Kurzhaarfrisur lässt sie menschlicher wirken. Auch das Kindchenschema, typische körperliche Merkmale von Kleinkindern, die beim Erwachsenen eine emotionale Zuwendung auslösen, hat die Illustratorin angewendet. Dennoch hat Andrea Reitmeyer versucht, das Insekt natürlich aussehen zu lassen: 'Hermine hat sechs Beine und alle typischen Merkmale einer Biene. Anders als bei Biene Maja, die Hände und Füße hat.' Durch Mimik und Gestik vermittelt die Designerin die Gefühle und Emotionen der Biene Hermine.
Die eigenen Kinder als Mini-Lektoren
für ihre menschlichen Figuren im Kinderbuch hat sie hin und wieder echte Personen aus ihrem Bekanntenkreis als Modelle. 'Bei Biene Hermine stand meine Tochter Modell', sagt die Autorin, nimmt sich das Buch, blättert eine Seite auf und zeigt auf die Zeichnung eines kleinen Mädchens, 'das ist meine vierjährige Tochter'. Generell sind ihre Kinder Kilian, acht Jahre, und Emilie, vier Jahre, der Kinderbuchautorin eine große Hilfe. 'Sie sind die ersten, die meine Entwürfe sehen und die Texte hören. Sie sind meine Mini-Lektoren.' Anhand der Reaktion ihrer Kinder merkt sie, ob eine Geschichte funktioniert - so auch bei der Biene Hermine.
Thematisch verarbeitet sie Inhalte in ihren Büchern, die sie mit ihren Kindern erlebt hat und häufig Naturthemen. Denn Andrea Reitmeyer liebt die Natur. In dem Buch Biene Hermine greift sie das Bienensterben auf. 'Die kleine Biene Hermine lebt auf einer Wiese am Wald. Zusammen mit anderen Bienen sucht sie nach Nektar und verteilt Pollen. Doch dann zerstören schwere Maschinen den Wald und die Wiese. Hermine muss sich ein neues Zuhause suchen und begibt sich auf eine aufregende und abenteuerliche Reise.' Gleichzeitig erklärt sie den Kindern Wissenswertes über die Welt der Bienen. 'Es besteht ein riesiger Aufklärungsbedarf. Viele kennen nur die Honigbiene, dass es aber mehr als 500 Bienenarten gibt, wissen nur die wenigsten.'
Wie Andrea Reitmeyer Buchautorin wurde ...
Ein halbes Jahr hat sie Zeit für ein Buch. Zehn Stück hat die gebürtige Wiesmoorerin bereits veröffentlicht - besonders bekannt ist ihr erstes Werk 'Emily und das Meer'. Mit diesem auf Hochdeutsch und Plattdeutsch erschienenen Werk fing alles an. 'Dieses Buch war ursprünglich meine Diplomarbeit', sagt sie, 'als es 2009 fertig geschrieben war, habe ich kurze Zeit später meinen Sohn bekommen und mir eine kurze Auszeit genommen.'
Zwei Jahre später, 2011, stellte sie ihr Buch verschiedenen Verlagen auf der Frankfurter Buchmesse vor. 'Ich fand gleich mehrere, die das Buch herausbringen wollten.' Sie entschied sich für den Jumbo-Verlag in Hamburg. 'Sie wollten es zweisprachig veröffentlichen und das war mir als Ostfriesin besonders wichtig.'
2012 kam dann ihr erstes Buch auf den Markt. Seitdem kreiert Andrea Reitmeyer immer wieder neue lehrreiche, spannende und fantasievolle Kinderbücher. Ihr neustes Projekt, an dem sie arbeitet, handelt von einer kleinen Robbe Robin. Er lebt mit seiner Familie auf einer Sandbank im Wattenmeer. Eines Tages trifft er beim Spielen auf ein Kegelrobbenmädchen, das ihn unerwartet um Hilfe bittet. Auch hier greift die Autorin wieder ein aktuelles Thema auf - die Verschmutzung der Meere mit Plastikmüll.
