Zetel/Wiesmoor - Ein Blick aus dem Wohnzimmerfenster auf die Wiese in Zetel lässt erahnen, wie prächtig die Blumen im Frühjahr und Sommer blühen mögen. Denn auch jetzt im Herbst wachsen vereinzelt Blumen auf Redelf Ennens Rasen, deren gelbe Blüten gar nicht so recht zu dem tristen, grauen Wetter an diesem regnerischen Herbsttag passen. „Hier ist mein Lieblingsplatz“, sagt Ennen und blickt auf die Terrasse seines Hauses. Wenn er es sich draußen auf seiner Liege gemütlich macht, hat er einen freien Blick aufs Feld, und hört im Frühjahr und Sommer seine Bienen und andere Insekten summen.
Zwar fliegen die Bienen und Insekten in der kälteren Jahreszeit nicht herum, aber wer mit dem 71-Jährigen spricht, kann sich vorstellen, wie es bei ihm im Frühjahr aussieht. „Bei mir wachsen 27 Obstbäume“, sagt der gelernte Landwirt. Äpfel, Birnen und Zwetschgen kann er ernten, außerdem wachsen bei ihm viele insektenfreundliche Pflanzen wie der Schmetterlingsflieder, der die Insekten anlockt. Wenn es wärmer wird, sprießen bei ihm die Krokusse rund ums Haus. Schon sein halbes Leben lang setzt sich Redelf Ennen für die Natur, Pflanzen und Tiere ein.
„Man entwickelt ein Gefühl für die Bienen“
„Ich bin in der Natur groß geworden“, sagt er über seine Kindheit in Marx. „Mein Vater hat mir erzählt, dass es in seiner Familie Bienen gab“, sagt er. So war er den Tieren gewissermaßen schon familiär verbunden. Nach seiner Schulzeit lernte der Marxer Landwirt, danach studierte er in Oldenburg. Nach dem Studium, das mit Biologie zu tun hatte, war ihm klar: „Ich wollte imkern.“ Das war Anfang der 1980er-Jahre. Seit 40 Jahren züchtet der 71-Jährige nun schon Bienen.
Redelf Ennen war zehn Jahre lang Vorsitzender des Landesverbandes der Imker Weser-Ems. „Wir wollen verlässliche Partner sein“, sagt der 71-Jährige, dem es um gegenseitiges Verständnis von Landwirten und Imkern geht. Als Landwirt weiß er, wie wertvoll ein Miteinander von Landwirten und Imkern ist. Bienen produzieren nicht nur Honig, sie bestäuben auch Obstbäume und zahlreiche andere Pflanzen wie Raps, die wiederum für die Landwirtschaft wichtig sind. Ennen arbeitete beim Landkreis Aurich. Bienen züchtete er nebenberuflich, wie er betont. „Imkern ist nicht nur ein Hobby. Du beschäftigst dich mit Lebewesen“, sagt er. Das bedeute, für die Tiere da zu sein. Bienen seien nach Rindern und Schweinen die wichtigsten Nutztiere, sagt er. Mit Ruhe und Bedacht müsse man mit ihnen umgehen. Nur, wer sich in die Enge getrieben fühle und gestresst sei, würde stechen – das sei bei Menschen nicht anders. „Man entwickelt ein Gefühl für die Bienen“, ist er überzeugt. „Im Bienenvolk mit tausenden von Tieren herrscht Harmonie“, sagt Ennen. Davon könnten die Menschen viel lernen, erklärt er schmunzelnd.
Für Redelf Ennen geht es um Begegnungen auf Augenhöhe
Der Imker war bisher nicht nur in der Region, sondern auch in vielen Ländern unterwegs, um sein Wissen weiterzugeben – und um von anderen Völkern zu lernen. Er betreute Projekte in China, Moldawien, Georgien, Kirgistan und Simbabwe. Es ging um das Imkern, aber auch um Bewässerung. „Man darf nicht das Gefühl vermitteln, als sei man ,besser’ und wisse mehr“, sagt er über seine soziale Einstellung. Es gehe um Wertschätzung und Begegnungen mit Menschen auf Augenhöhe, jeder könne von jedem lernen.
Im Moment seien aufgrund von Corona allerdings keine Reisen möglich. Auch der Kurs des Imkervereins Friedeburg-Wiesmoor ist seit März gestoppt. Vorerst ist geplant – falls Corona es zulässt – dass die Ausbildung der Jungimker Anfang Januar nächsten Jahres in Wiesmoor weitergeht. Redelf Ennen, der den Kurs leitet, freut sich schon auf das motivierte Team. Andere Kurse in Wiesmoor, Zetel und Nordhorn, die Ennen vorher führte, liefen über die jeweiligen Kreisvolkshochschulen.
Jeder kann etwas für Insektenschutz tun
„Insektenschutz geht uns alle an“, sagt Redelf Ennen. Im Herbst sei Zeit für die Pflege von Gewässern und Wallhecken. „Böschungen an Gewässern sind beliebte Standorte für Haseln, Weiden und Erlen. Sie sind eine Kraftquelle für Honigbienen, die als Volk überwintern“, verdeutlicht der Imker. Wallhecken sind als Lebensraum vieler Pflanzen- und Vogelarten sehr wichtig. Regelmäßiger Rückschnitt sei erforderlich, aber zu viel Mähen zerstöre Leben, sagt er. Auch könne jeder auf insektenfreundliche Pflanzen, unter anderem aus Blühmischungen, in seinem Garten oder auf dem Balkon statt Kiesgärten achten. Auch Blühwiesen bieten Lebensraum für viele Tiere. „Es sind die kleinen Dinge, die viel bewirken können“, sagt Ennen.
Wenn sich der Sommer dem Ende zuneigt, gehen die Bienen in Winterruhe. Ende Juli, spätestens Mitte August würde Ennen keinen Honig mehr einholen, dann werden die Blüten weniger. Im Frühjahr erwacht das Leben im Bienenstock wieder. „Wenn die Bienen wieder fliegen – das ist für mich der schönste Moment“, sagt Redelf Ennen. Bis dahin genießt er die Ruhe auf seinem Lieblingsplatz auf der Terrasse.
