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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Gemeinden Wildeshausen

Junge Wildeshauser Mutter hat keine Zeit zu verlieren

05.11.2016

Wildeshausen Es ist ungefähr zwei Wochen her, da standen Janett Dönmez und ihre Tochter Serife im Stau. Die Autobahn war nach einem Lkw-Unfall gesperrt, die Umgehungsstrecke auf der B 213 voll, und im Radio lief nur nervige Musik. Das hielt die elfjährige Serife, die selbst seit vier Jahren Gitarre spielt und singt, nicht länger aus. Sie schnappte sich das Handy ihrer Mutter und wünschte sich per Whatsapp bei Radio Antenne Niedersachsen ein Lied von Tim Bendzko: „Ich bin doch keine Maschine“.

Selbstständig werden

Eine Antwort kam erst am nächsten Morgen, als Serife, die gerade lernt, möglichst selbstständig zu sein, sich für die Schule fertig machte. Ihre Mutter schlief noch, als sich ein reger Chat mit dem Radiosender entwickelte und Serife ein Video hochlud, in dem sie für ihre Mama und alle Frauen sang, die an Brustkrebs leiden.

Tröstende Worte des Senders, dass ja vielleicht alles nicht so schlimm sei, konterte das talentierte Mädchen, das in diesem Jahr die Mini-Playbackshow beim Gildefest gewann, mit den Worten: „Nee, es wird leider nicht wieder gut, meine Mama wird sterben, und ich bin elf Jahre alt.“ Unzählige Male wurde das Video des musikalischen jungen Mädchens seitdem in den sozialen Netzwerken geteilt. Kaum einen lässt kalt, wie engagiert und souverän Serife den Hit „Riptide“ von Vance Joy für ihre geliebte Mutter interpretiert. Telefon

Als Janett von dem Engagement ihrer Tochter erfuhr, kamen ihr die Tränen. Erst seit August weiß die 36-Jährige, dass sie unheilbar an Brustkrebs leidet.

Erstaunlich gefasst wirkt sie, wenn sie vor einem sitzt: schwarzer Pulli, Strickmütze auf dem kahlen Kopf, um den Hals eine Kette mit einem blauen Steinkreuz. „Die Kette ist ein Geschenk, das mir in diesem Albtraum Kraft gibt“, sagt sie. Die Diagnose „Brustkrebs“ hat sie eiskalt erwischt.

Bei der letzten Vorsorge 2014 war noch alles okay. In den folgenden zwei Jahren wurden die Eheprobleme größer, Geldsorgen kamen hinzu und die Wildeshauserin hatte vor lauter Aushilfsjobs keinen Kopf mehr für sich selbst. Dabei gab es Signale: „Die ständige Müdigkeit und die Rückenprobleme habe ich einfach auf mein stressiges Leben geschoben“, erinnert sich die Mutter von drei Kindern.

Dennoch glückte nach langem Hin und Her die Trennung vom Ehemann. Der zwölfjährige Sohn Deniz blieb beim Vater, während Janett mit ihren beiden Töchtern Serife und Aylin (8) in eine eigene Wohnung zog. Bald darauf fand sie in ihrem Kollegen Matthias Rohe, mit dem sie bei der Himmelsthür zusammenarbeitete, einen neuen verständnisvollen Partner.

Eigentlich hätte jetzt endlich alles gut sein können. Ein Urlaub in Kroatien sollte neue Kraft geben, obwohl Janett einige Wochen vor der Abreise den rechten Arm vorübergehend nicht mehr bewegen konnte.

Nach ihrer Rückkehr dann der völlige Zusammenbruch: Mit Atemnot und starkem Seitenstechen ging es in die Notaufnahme des Johanneums. „Verdacht auf Gallensteine“ hieß es dort zunächst, aber der sollte sich – leider – nicht bewahrheiten. „Als der Arzt meinte, die Lunge sehe nicht gut aus, wusste ich, dass es schlimm war“, erinnert sich Janett an den Moment, als alles zerbrach und sie erfuhr, dass ihr ganzer Körper voller Krebs war. In kürzester Zeit hatte der nur 1,64 Zentimeter große Tumor in der Brust gestreut. Mehr als 40 Metastasen im ganzen Körper, vor allem aber in der stark vergrößerten Leber. „Ich bekam sofort einen Port für die Chemo gelegt, die den Krebs in Schach halten soll“, erzählt die 36-Jährige.

„Ich werde sterben“

„Schatz, ich werde sterben“, hat sie anschließend ihrem Matthias gesagt. Der brach fast zusammen. „Danach haben wir uns in den Armen gelegen, geweint und es den Kindern gesagt“, berichtet die gebürtige Eisenacherin, die seit 1999 in Wildeshausen lebt.

Ein Jahr gaben ihr die Ärzte bei der Diagnose im August. Aktuell können sie sich auch einige Monate mehr vorstellen, denn die Chemo drängt die Metastasen zumindest etwas zurück. Janett, die inzwischen Stammgast bei Ärzten und in Krankenhäusern ist, hat sogar das ehrgeizige Ziel, 40 Jahre alt zu werden. „Dank der palliativen Medizin habe ich keine starken Schmerzen und möchte – solange ich kann – die Zeit mit meiner Familie genießen.“

Außerdem gibt es auch noch viel zu regeln. Die größte Frage ist, wo die Kinder nach ihrem Tod bleiben. Seit der Schockdiagnose lebt nur noch Serife bei der Mutter, während Aylin zum Vater gezogen ist. Keiner weiß, wie es weitergeht. Und da sind die Sorgen ums Geld. Kann Serife weiter den geliebten Gitarrenunterricht bekommen? Wer kommt für die Ausbildung der Kinder auf?

Eine Sorge weniger bedeutet es, dass Radio Antenne Janetts Beerdigung bezahlt. „Die haben sich mit dem Bestatter kurzgeschlossen und ein Treuhandkonto angelegt“, berichtet Janett. Auch der weitere Ablauf der Beisetzung ist schon genau geplant bis hin zum Beerdigungscafé im Dorfgemeinschaftshaus Holzhausen. „Trockenen Butterkuchen habe ich nie gemocht, und deshalb wird Manuela Grube vom Café Schräubchen unentgeltlich meinen Lieblingskuchen – Donauwellen – servieren“, blickt Janett tapfer in eine Zukunft ohne sie.

Die Zeit, die ihr noch bleibt, nutzt sie, um Briefe zu schreiben für jeden Trauergast auf ihrer eigenen Bestattung. Und Gedichte schreibt sie, jede Menge. Das erste, das sie nach der Diagnose geschrieben hat, hängt auf der Station 5 in Vechta und ist ein Dankeschön an die Krankenschwestern, die sich so lieb um sie gekümmert haben.

Viel Unterstützung

Ohnehin ist das Mitgefühl für die 36-Jährige und ihre Kinder groß. Auf Facebook ist eine Spendenaktion angelaufen, und auch viele andere Gesten machen Janett Mut. „Oliver Posenauer putzt mit seinem Gebäudereinigungsteam unsere Fenster, und Landmaschinen Schröder hat mir ein lebenslanges Parkrecht eingeräumt, weil mein Hausarzt direkt nebenan seine Praxis hat“, ist sie immer noch gerührt. All das gibt ihr Kraft für die kommenden Monate.

Und dann ist da noch der Traum, einmal mit den Kindern ins Disneyland nach Paris zu fahren. „Darauf wollten wir schon vor vier Jahren sparen, aber es hat nie geklappt“, sagt Janett und rückt ihr Kreuz mit den blauen Steinen zurecht.

Alles zum Thema Gesundheit im Nordwesten lesen Sie in unserem Gesundheits-Spezial.

Uta-Maria Kramer
Wildeshausen
Redaktion Wildeshausen
Tel:
04431 9988 2703

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