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NWZonline.de Region Kreis Oldenburg Gemeinden Wildeshausen

Positiv überrascht vom Einsatzwillen

08.11.2017

Wildeshausen Irgendwann hat es Klick gemacht. „Ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert“, erzählt Hans-Joachim Schumacher. „Ich saß bei meiner Mutter auf dem Schoß, ein Beamter in der Baracke klapperte mit dem Schlüsselbund.“ So ähnlich erlebte es der 74-jährige Wildeshauser, als er die Familie Haidari zum sogenannten Interview beim Bundesamt für Migration (BAMF) im Kloster Blankenburg bei Oldenburg begleitet hat. Schumacher ist in den 1940er-Jahren aus Ostpreußen geflohen. Er kann gut nachvollziehen, wenn Menschen aufgrund von Krieg und Gewalt ihre Heimat verlassen müssen.

„Irgendwie beteiligen“

Als Ende 2015 Hunderttausende von Flüchtlingen in Deutschland Schutz suchten, überlegte Schumacher nicht lange. „Ich wollte mich irgendwie beteiligen.“ Der frühere Pilot half bei der Essensausgabe im Gymnasium. Gemeinsam mit seinem Partner Raphael Klein transportierte er gespendete Möbel zur „Möbelkammer“. „Ich habe einen Anhänger für mein Auto. Darum wurde ich wahrscheinlich angesprochen“, lacht Schumacher.

Gut eineinhalb Jahre transportierte er mindestens einmal pro Woche Möbel. „Die Adresse der Spender bekamen wir per E-Mail. Sogar bei Schnee und Sturm sind wir gefahren.“ Schumacher, den seine Freunde nur Jochen rufen, spricht von einer „unheimlich schönen Zeit“. „Man spürte, dass die Wildeshauser gern gaben. Die Geflüchteten hatten ja gar nichts.“

Das änderte sich irgendwann: Die Möbelkammer war gut ausgestattet, die meisten Geflüchteten in Wohnungen untergebracht. Schumacher sprach die Freiwilligenagentur „Misch mit“ an, weil er gern die Patenschaft für eine Familie übernehmen wollte. „Mehr als 70 Personen haben sich gemeldet“, erinnert sich Thorben Kienert von der Freiwilligenagentur. In Absprache mit Stadt und Diakonie musste zunächst geprüft werden, wer zu welcher Familie „passte“. Im Januar des Vorjahres wurden dann die ersten Patenschaften vermittelt.

„Ich habe gleich eine Familie gefunden, mit der ich mich voll identifizieren kann“, sagt Schumacher, der die Familie Haidari betreut. Dazu gehören Ishaq, Belqis, die Kinder Supan (4) und Suleiman (1) sowie Ishaqs Bruder Sharif. Weil die Familie von den Taliban bedroht wurde, floh sie aus der Provinz Helmand in Afghanistan. „In ihr Haus wurde eine Handgranate geworfen“, berichtet Schumacher.

Unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ kommt der Wildeshauser immer dann, wenn er gebraucht wird. Als die Haidaris noch in Lüerte wohnten, wurde einmal pro Woche ein Großeinkauf gemacht. Schumacher fährt mit zu Ärzten, Behörden oder eben zum Bundesamt. Er erklärt geduldig Behördenbriefe oder liest Supan, der den Waldorfkindergarten besucht, vor. Manchmal ist Schumacher drei- bis viermal pro Woche da. Ein anderes Mal kommt er nur auf Zuruf.

Die Zahl der Einkaufsfahrten ist deutlich gesunken, nachdem die Familie in die Innenstadt gezogen ist. „Ich möchte den Leuten das Gefühl geben, hier willkommen zu sein“, erklärt er seine Motivation.

Freundschaft entstanden

Immer wieder werde er positiv überrascht vom Einsatzwillen der Neubürger. Belqis, in Afghanistan einst in der Vorschule tätig, möchte gern in der Altenpflege arbeiten. Obwohl sie noch keinen Integrationskursus besucht hat, spreche sie bereits einige Worte auf Deutsch. Ehemann Ishaq wird in Bremen ausgebildet zum City-Logistiker. Demnächst macht er seinen deutschen Führerschein. „Ich rate der Familie, jedes Angebot anzunehmen“, erklärt Schumacher. Nichts anderes habe er – Schumacher ist Vater von drei Kindern und fünf Enkeln – in seiner Familie immer gesagt. Zu den Haidaris sei derweil ein freundschaftliches Verhältnis entstanden. Mit seinem Ehrenamt ist der 74-Jährige zufrieden: „Ich hätte auch Vorlese-Pate werden können.“ Aber die Begleitung Geflüchteter halte er für wichtiger.