WILDESHAUSEN - „Diese Nacht werde ich nie vergessen“, sagt Oliver Galeotti. Noch 20 Jahre später verspürt der 39-jährige Wildeshauser eine leichte Gänsehaut, wenn er an die Nacht des 9. November 1989 zurückdenkt. Den Fall der Mauer in Berlin erlebte er aus nächster Nähe mit.

Im Rahmen der so genannten Jahrgangsfahrt der 13. Klassen des Clemens-AugustGymnasiums (CAG) Cloppenburg war Galeotti 1989 in Berlin. „Wir haben in einer Pension in der Rankestraße, ganz in der Nähe des Kurfürstendamms, gewohnt“, erzählt er. Noch am Nachmittag des 9. November sei die Schülergruppe mit ihrem damaligen Tutor Peter Varelmann in OstBerlin gewesen. „Ein Vopo hatte an der Grenze offenbar Probleme mit meinem italienisch klingenden Nachnamen“, erinnert sich Galeotti. „Als ich ihn korrigiert habe, wurde ich prompt kräftig gefilzt.“ Von den Ereignissen, die sich Stunden später in Berlins Mitte abspielen sollten, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand etwas. Im Gegenteil: „Auf der Ostseite des Brandenburger Tores war es gespenstisch leer.“ Bei der Rückkehr in den Westen fiel Galeotti auf, dass vor der Gedächtniskirche gegen den „langen Donnerstag“ demonstriert wurde.

Am Abend überschlugen sich dann die Ereignisse: „Nach dem Essen waren wir noch in einer Kneipe. Im Fernsehen war von ,Reisefreiheit’ die Rede“, erzählt Galeotti. „Keiner wusste zunächst, was das bedeutet. Doch dann kamen Menschen in die Kneipe und riefen: Die Grenze ist auf! Dann ahnten wir: Heute wird Geschichte geschrieben.“ Die Schüler machten sich auf den Weg zum Brandenburger Tor. „Auf dem Weg dorthin konnte man bereits Hammer und Meißel kaufen.“ Am einstigen Todesstreifen herrschte inzwischen Volksfeststimmung: Menschen lagen sich in den Armen, Deutschlandfahnen wurden geschwenkt, Feuerwerkskörper erhellten den Nachthimmel. „Natürlich wollten wir auch auf die Mauer rauf“, sagt der einstige CAG-Abiturient, „doch die war zu voll.“ Es wurde eine lange Nacht: „Das Bier floss in Strömen.“

Noch gefangen von den Ereignissen der Nacht zog es die Gruppe am Freitag, 10. November 1989, wieder an die Orte, wo Geschichte geschrieben wurde. „Wir winkten den Vopos am Ostufer der Spree zu.“ Inzwischen war der Westen Berlins voller Trabbis: „Der Ku’damm wurde kurzerhand zur Fußgängerzone erklärt. Da ging nichts mehr.“

Die Heimreise nach Cloppenburg am Sonnabend verlief weniger erfreulich: Statt sechs Stunden, wie bei der Hinreise, benötigte der Bus etwa 20 Stunden. „Die Transitstrecke war dicht. Wir standen Stunden im Stau. Weil ich nicht mehr sitzen konnte, habe ich mich zeitweise unter die Sitze gelegt.“ Nach der Abi-Feier setzten die jungen Menschen mit einem Stück der Berliner Mauer am Gymnasium der 89er-Jahrgangsfahrt quasi ein Denkmal.

Galeotti studierte nach dem Abitur Germanistik in Köln. Er arbeitete bei einer PR-Agentur in Delmenhorst und ist heute Sprecher des Landkreises Oldenburg. Nach dem Fall der Mauer war er noch mehrmals in Berlin, etwa, um einen Schulfreund zu besuchen. „Ich habe den letzten Tag der DDR erlebt“, ist er sich heute bewusst.