WILDESHAUSEN - Nach den spärlichen Nachrichten aus der Ukraine waren die Wildeshauser beunruhigt. Der Sand auf Spielplätzen wurde getauscht.

Von Stefan Idel

WILDESHAUSEN - Besorgte Bürger, Debatten um die „Atomwolke“, Demonstrationen – die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl vor genau 20 Jahren löste auch in Wildeshausen eine Flut von Gerüchten und Anfragen aus. „Die Menschen waren extrem beunruhigt“, erinnert sich der damalige Stadtdirektor Helmut Grimjes. „An die Stadtverwaltung wurden Fragen gestellt, die wir eigentlich gar nicht beantworten konnten.“ Denn zuständig seien eigentlich Bund und Land gewesen, betont der heute 70-Jährige.

Die Wildeshauser Initiative „Alternative Kommunalpolitik“ übte Anfang Mai 1986 heftige Kritik an der ihrer Ansicht nach „skandalösen Informationspolitik“ im Rathaus. Einige Mütter seien sogar in eine Sitzung geplatzt und hätten umgehende Aktionen gefordert, sagt Grimjes.

Auf Betreiben besorgter Eltern habe die Stadtverwaltung dann Schulen und Kindergärten empfohlen, die Kinder im Sportunterricht und in den Pausen bis auf Weiteres nicht ins Freie zu lassen, erinnert sich der heutige Bürgermeister Franz Duin nach einem Blick in die Akten. „Schüler sind sogar angewiesen worden, nach Hause zu gehen und zu duschen und ihre Kleidung kräftig durch zu waschen.“

„Eigentlich war es relativ ruhig in der Stadt“, bemerkt Altbürgermeister Manfred Rollié, „zumal niemand genau wusste, was sich in der Ukraine abgespielt hat“. Als Verwaltungsdirektor des Johanneums sei er auch im Krankenhaus mit vielen Fragen zur radioaktiven Belastung konfrontiert worden.

Die Sorgen der Menschen seien fast mit den Händen zu greifen gewesen. Bei einer Veranstaltung am 14. Mai 1986 im einstigen Soldatenheim drängten sich mehr als 200 Bürger. Ihnen riet Hans Georg Beyer, ein Physiker der Universität Oldenburg, den Rasen zu mähen und den Schnitt in einem „Endlager“ im Garten zu deponieren. Gleiches müsse aufgrund der Cäsium-Belastung mit der oberen Bodenschicht geschehen. Rund 150 Demonstranten zogen am Sonnabend durch die Innenstadt, um auf die Gefahren der Atomkraft aufmerksam zu machen.

„Die Stadt hat dann den Sand auf sämtlichen Spielplätzen, an Schulen und Kindergärten ausgetauscht“, erinnert sich auch Duin. Selbst auf Aschenbahnen sei das Granulat entsorgt worden. Duin: „Auch bei uns daheim wurde der Sand in der Sandkiste gewechselt. Jeder wollte auf ,Nummer sicher‘ gehen.“