Wilhelmshaven/Hamburg - Ein zünftiger Bierempfang, dazu ein Currywurstverkauf für den guten Zweck und eine große Gala mit prominenten Gästen auf der Bühne: Wenn das Hamburger Theater Schmidts Tivoli seinen Publikumsliebling „Heiße Ecke“ an drei Tagen hochleben lässt, hat der gebürtige Wilhelmshavener Martin Lingnau ebenfalls allen Grund zum Feiern.
Musical „Heiße Ecke“ zählt schon 2,8 Millionen Zuschauer
Die Musik des erfolgreichen Reeperbahn-Musicals, das vor 20 Jahren Premiere feierte, stammt aus seiner Feder. Mittlerweile hat die „Heiße Ecke“ mehr als 2,8 Millionen Menschen in über 5100 Aufführungen begeistert. „Derbe Schnacks, zu Herzen gehende Geschichten und großartige Songs in einer Show, die den ganz normalen Wahnsinn rund um die Reeperbahn zeigt“ – so fasst das Theater sein Stück zusammen. Jeden Abend schlüpfen neun Ensemblemitglieder in über 50 Rollen und entführen ihr Publikum in eine temporeiche Show rund um 24 Stunden am Kiez-Imbiss. Hier trifft sich ganz St. Pauli – von den leichten Mädels bis zu den schweren Jungs, die Touristen vor dem Musicalbesuch und die Müllmänner nach der Schicht. Das Partyvolk aus der Vorstadt bestellt ebenso Currywurst wie die Kiez-Urgesteine, die eigentlich längst die Schnauze voll haben, aber trotzdem nicht loskommen von der Reeperbahn.
Martin Lingnau (links) mit Comedian Oliver Kalkofe während der Probe der Show „Volles Programm“ im Jahr 2010. Foto: Fabian Bimmer/DPA
Als Max-Planck-Schüler in der Fußgängerzone musiziert
Lingnau will erst gar nicht loskommen vom Kiez, bleibt dem Schmidts Theater treu, das 1994 zu seiner künstlerischen Heimat wurde. Seitdem verantwortete der 51-Jährige nahezu alle Hausproduktionen musikalisch. Zwei Jahre zuvor hatte der gebürtige Wilhelmshavener den Kontaktstudiengang für Popularmusik an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg absolviert und an internationalen Meisterklassen teilgenommen. Es folgten etliche erfolgreiche Produktionen, die Lingnau die Titel „Musical-Mozart von St. Pauli“ und „Melodienmacher für Millionen“ bescherten.
Die Weichen für diese Karriere wurden schon früh gestellt – in Wilhelmshaven. Schlagzeug, Saxophon, Klarinette, Akkordeon, Keyboards: sein Kinderzimmer sei voller Musikinstrumente gewesen, erzählt er in Interviews. Lingnau wirkte in Schulbands mit, verdiente sich etwas Geld in einem Musikladen und spielte in Fußgängerzonen Klavier. Schon während seines Abiturs an der damaligen Max-Planck-Schule war er häufig an der Landesbühne tätig.
Zahlreiche Erfolgsmusicals und Filmmusik komponiert
Sein größter Wunsch von einst habe sich aber bis heute nicht erfüllt: Lingnau wollte Komponist für den „Tatort“ werden. Seine Vita kann sich aber auch ohne den Krimi-Klassiker sehen lassen. Neben den Produktionen des Schmidts Theaters hat Lingnau die Musik für Musicals wie „Das Wunder von Bern“ und „Der Schuh des Manitu“ geschrieben. Von 1997 bis 2015 war er als Music Supervisor bei „AIDA Entertainment“ entscheidend an der Entwicklung und Konzeption des international preisgekrönten Entertainments auf den Kreuzfahrtschiffen beteiligt.
Musik für Kinofilme und Fernsehen komponierte er ebenfalls, etwa für „Serengeti“ und die TV-Produktionen „Charité“ und „Der Palast“. Zudem geht die Musik für die Eröffnungszeremonie der Ski-Weltmeisterschaft 2011 auf sein Konto. 2016 gründete er mit Michael Hildebrandt „Stückgut“ – eine Kreativschmiede zur Entwicklung neuer Bühnenstoffe. In diesem Zuge entstand „Wahnsinn“, das Musical mit den Hits von Wolfgang Petry, „Equila“, eine Multimedia-Show für die „Apassionata World“ und „Die Weihnachtsbäckerei“ mit den Liedern von Rolf Zuckowski. Nicht zuletzt singen Interpreten wie Annett Louisan, Mary Roos, Maite Kelly und Udo Lindenberg seine Songs.
Und die „Heiße Ecke“? Das Musical hat längst Kultstatus, wurde schon nach der Uraufführung am 16. September 2003 von der Presse als „Liebeserklärung an St. Pauli“ und sogar als „Hamburgs bestes Musical“ gefeiert. Dafür kann sich auch ein Martin Lingnau beherzt auf die eigene Schulter klopfen.
