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Medizin Behandlung von Flüchtlingen – Vom langen Weg zur Diagnose

Wilhelmshaven hat sich verändert. Das ist nicht nur an den Zahlen in der Einwohnerstatistik abzulesen, sondern wird auch bei einem Blick in das Wartezimmer von Matthias Abelmann deutlich. Der Hausarzt hat seine Praxis in Bant – einem der Stadtteile, in dem heute viele Geflüchtete leben, die vor fünf Jahren nach Wilhelmshaven gekommen sind. 41,8 Prozent der Einwohner in Bant haben einen Migrationshintergrund. „Das Klientel im Stadtteil hat sich deutlich geändert. Einige ältere Einwohner sind zwar geblieben, aber sonst leben hier inzwischen sehr viele Syrer, Perser und Russlanddeutsche“, sagt Matthias Abelmann. Diese Menschen sind zum großen Teil seine Patienten geworden.

Gemeinsam mit Klaus-Peter Schaps, Hausarzt in Voslapp, hat sich der Mediziner aus Bant dazu bereit erklärt, über die Folgen der Flüchtlingswelle für die Ärzte in Wilhelmshaven zu sprechen. Denn rund um die Behandlung der Menschen gibt es Schwierigkeiten, die die ohnehin am Limit arbeitenden Ärzte zusätzlich belasten. Denn: Mit der Flüchtlingswelle sind mehr Menschen in die Stadt gekommen, es gibt aber nicht mehr Ärzte – tendenziell eher weniger.

Ein großes Problem sind häufig fehlende Sprachkenntnisse bei den Geflüchteten. Viele Migranten sprechen nach der Erfahrung der beiden Ärzte weder Englisch noch ausreichend viel Deutsch, um ein für eine Diagnose wichtiges Patienten-Arzt-Gespräch zu führen. „70 Prozent unserer Arbeit nimmt die Diagnosefindung ein“, macht Klaus-Peter Schaps deutlich. Die Behandlungen dauern ohne die nötige Sprachkompetenz also deutlich länger als sonst. Manchmal bringen die Patienten ihre Kinder zum Übersetzen mit. „Das ist aber keine gute Lösung, denn manchmal müssen wir auch Dinge ansprechen, die Kinder nicht hören sollten“, sagt Matthias Abelmann. Zum Beispiel dann, wenn es um häusliche Gewalt geht.

Kulturelle Unterschieden werden zur Herausforderung

Neben den Verständigungsproblemen werden auch die kulturellen Unterschiede der Menschen hin und wieder zur Herausforderung für die Ärzte. Als vor fünf Jahren alle Neuankömmlinge medizinisch untersucht wurden, wurde das Problem bereits deutlich. „Männer wollten sich nicht von Frauen behandeln lassen und Frauen nicht von Männern“, berichtet Schaps. Das habe sich inzwischen etwas gelegt. Doch bei den ersten Praxisbesuchen von geflüchteten Frauen habe der Ehemann während der Untersuchung häufig ganz dicht daneben gestanden. „Manchmal war nicht klar, ob er im nächsten Moment eingreifen würde“, sagt der Arzt aus Voslapp. Eine vollverschleierte Frau mit Atemwegsproblemen zu untersuchen sei so eine besondere Herausforderung.

Mittlerweile haben sich viele der Neubürger mehr und mehr an die für sie neue Kultur angenähert. Doch immer wieder müssen Ärzte lange Überzeugungsarbeit leisten, damit Patientinnen ein „kleines Behandlungsfenster“ frei machen. Die kulturelle Prägung lässt sich eben nicht mit dem Umzug in ein anderes Land so einfach überwinden. Die Behandlung der geflüchteten Menschen bringt auch viel bürokratischen Aufwand mit sich. Denn sie bekommen einen Behandlungsschein vom Sozialamt, der jeweils für nur vier Wochen gültig ist. „Bei einer chronischen Erkrankung reicht das natürlich nicht“, sagt Schaps. Abelmann wirft ein: „Es gibt auch viele Syrer, Iraner und Perser mit einer Drogenproblematik. Sie werden substituiert. Das ist auch nicht nach vier Wochen vorbei.“ Doch diese Patienten müssen immer wieder neue Behandlungsscheine vom Amt holen. Die Mediziner plädieren dafür, zumindest für chronisch Kranke, Scheine mit einer Gültigkeit von einem Jahr auszustellen.


Wenn nun ein Patient in die Sprechstunde kommt, und eine weitergehende Behandlung oder medizinische Hilfsmittel braucht, muss der Hausarzt zunächst beim Sozialamt nachfragen, ob die Kosten übernommen werden. „Nicht selten ist hier das Wartezimmer rappelvoll (vor Corona) und ich hänge dann erst einmal eine Viertelstunde in der Warteschleife am Telefon, bis ich jemanden gefunden habe, der mir meine Frage beantworten kann“, sagt Schaps. Die Ärzte wünschen sich einen festen Ansprechpartner, den sie in solchen Fällen anrufen und schnell eine verlässliche Auskunft bekommen können. Das würde kostbare Behandlungszeit sparen und Nerven schonen. Im jüngst fortgeschriebenen Integrationskonzept der Stadt ist der von Klaus-Peter Schaps eingebrachte Vorschlag aufgenommen worden. Nun warten die Mediziner darauf, dass er umgesetzt wird.

Kristin Hilbinger
Kristin Hilbinger Lokalredaktion, Jeversches Wochenblatt
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