Der internationale Tag der Menschen mit Behinderung wird seit 1993 jedes Jahr am 3. Dezember begangen. Er soll das Bewusstsein für die Belange von Menschen mit Behinderung stärken. Sabine Gastmann ist Vorsitzende des Behindertenbeirates der Stadt Wilhelmshaven und seit über zehn Jahren Mitglied. Im Gespräch erklärt sie, warum der Beirat ein wichtiges Instrument ist und wo es in der Stadt noch Baustellen gibt.

Welche Themen werden im Behinderbeirat besprochen?

Sabine Gastmann Es ist immer unterschiedlich. Grundsätzlich geht es darum, was die Menschen bewegt oder wie man Barrieren abbauen kann. Das Allerwichtigste ist, dass die Menschen mit Behinderung sagen, was gut und richtig ist und dass das nicht von außen kommt.

Behindertenbeirat

Der Behindertenbeirat besteht aus Vertreterinnen und Vertretern von Behindertenorganisationen, Interessengemeinschaften behinderter Menschen in der Selbsthilfe, Vertreter aus dem Sozialausschuss und Fachbereich Soziales der Stadtverwaltung und aus der Agentur für Arbeit und die in Wilhelmshaven wohnhaft sind.

Zu den Aufgaben zählt die Koordination von Anliegen von Menschen mit Behinderung, die Unterrichtung der Öffentlichkeit über die Situation und Interessen der Menschen, die Beratung des Rates der Stadt Wilhelmshaven und seinen Ausschüssen

Mitglieder werden nicht gewählt sondern bestimmt. Die Stadt Wilhelmshaven zählt zu den Vorreitern und gehörte zu den ersten Kommunen, die einen solchen Beirat eingeführt haben. Mittlerweile ist ein Beirat oder Beauftragter für Behinderte gesetzlich verpflichtend.

Die Sitzungen finden einmal im Monat statt. Sie sind öffentlich und werden im Ratsinformationssystem bekanntgegeben.

Sie sind seit 2013 Mitglied im Beirat. Wie haben sich die Belange in den letzten zehn Jahren verändert?

Gastmann Es hat sich schon einiges verändert. Allein, weil der Behindertenbeirat von der Politik immer mit einbezogen werden muss. Werden Fördermittel benötigt, um beispielsweise Haltestellen umzubauen, muss der Behindertenbeirat gefragt werden. Dieser gibt dann eine Stellungnahme ab, die auch berücksichtigt wird.

Welche Nutzen zieht der Beirat konkret aus solchen Stellungnahmen?

Gastmann So werden Maßnahmen umgesetzt, die Menschen genau so benötigen. Zum Beispiel, wenn Schulen umgebaut werden. Wir als Behindertenbeirat haben die Umbaumaßnahmen besucht und ein Mitglied, das erblindet ist, konnte so testen, ob es mit dieser Einschränkung möglich ist, die Räumlichkeiten zu besuchen. Dadurch stehen solche Fragen im Raum, ob zum Beispiel die Laufspuren für Blindenstöcke richtig angelegt sind. Dort war tatsächlich etwas falsch gelegt worden, was dann sofort behoben wurde.

Womöglich wäre dieser Fehler einem sehenden Menschen nicht aufgefallen...

Gastmann Ganz genau. Deshalb werden wir auch bei der Spielplatzplanung mit einbezogen. Denn auch Spielplätze müssen inklusiv geplant werden.

Wie sehen Sie die Entwicklung in der Stadt für Menschen mit Behinderung?

Gastmann Grundsätzlich sehe ich die Entwicklung sehr positiv. Es ist natürlich viel von außen gekommen, aber das ist gut so. Trotzdem gibt es auch noch Baustellen.

Welche wären das?

Gastmann Wir im Behindertenbeirat werden leider oft sehr spät über geplante Maßnahmen informiert. Wir tagen nur einmal im Monat, daher wird es manchmal zeitlich sehr knapp, Stellungnahmen zu Maßnahmen zu formulieren oder überhaupt grundsätzlich darüber zu diskutieren. Wo wir wirklich großen Nachholbedarf sehen, ist das Pumpwerk. Vor allem, wenn man sich dort die Behindertentoilette anschaut. Man muss dort tatsächlich durch die Lagerhalle, in der die Getränke stehen. Und wo sich ein Platz für Rollstuhlfahrer befindet, läuft eigentlich immer die Bedienung durch. Doch bei aller Kritik muss ich auch anmerken, dass die Festivals, die am Pumpwerk stattfinden, inzwischen sehr gut für Menschen mit Behinderung ausgestattet sind.

Glauben Sie, dass das Thema Inklusion durch solche Aktionstage verstärkt wahrgenommen wird? Oder nutzt es sich irgendwann ab?

Gastmann Ich bin seit ungefähr 34 Jahren im Behindertenbeirat, früher als Ratsmitglied jetzt als Vorsitzende. Deshalb kann ich schon sagen, dass heute eine viel höhere Sensibilität besteht. Menschen mit Behinderungen werden heute viel mehr als Konsument wahrgenommen. Ich kann mich noch erinnern, als vor 30 Jahren die Niederflurbusse eingeführt wurden. Die Skepsis war groß, heute ist so etwas selbstverständlich. Denn nicht nur Menschen mit Behinderung nutzen diese Einstiegshilfe, sondern auch Menschen mit Rollatoren oder Kinderwagen. Die Maßnahmen, die wirklich etwas verändern können, sind in der Regel sehr teuer und das dauert einfach.