Wilhelmshaven
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Die Energiewirtschaft steht vor einer Systementscheidung. Vor diesem Hintergrund sei das geplante „CCS-Gesetz“ mehr als die Suche nach einer Möglichkeit, das klimaschädliche Kohlendioxid aus einer überschaubaren Zahl von Kohlekraftwerken abzuscheiden und unterirdisch einzulagern, sagt Dr. Peter Ahmels. „Es geht darum, ob wir in Zukunft verstärkt auf erneuerbare Energien setzen oder weiter auf Kohle-Verbrennung.“Für den Wangerländer Ahmels, Leiter der Projektgruppe Erneuerbare Energien bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH) in Berlin, wäre der Einstieg in die CCS-Technologie der Versuch, Kohleverbrennung auf Dauer als Energiegewinnung zu etablieren. Dabei seien die Risiken der unterirdischen Entsorgung von CO2 noch nicht hinreichend erforscht. „Es entstünde für die norddeutschen Bundesländer, die über entsprechende Gesteinsformationen verfügen, ein neues Ewigkeiten-Risiko.“
CCS steht für „Carbon Capture and Storage“. CO2 soll aus dem Kraftwerksprozess abgespalten und unterirdisch verpresst werden. In Berlin bastelt man derzeit an den gesetzlichen Grundlagen; der Energiekonzern RWE plant bereits eine CO2-Pipeline vom Ruhrgebiet bis nach Nordfriesland.
Die Abspaltungstechnik soll in drei Pilotanlagen getestet werden, darunter das geplante Eon-Steinkohlekraftwerk „50 plus“ in Wilhelmshaven. Schon aus technischen Gründen wäre, so Ahmels, der Einstieg in die CCS-Technik ein Signal gegen den angestrebten Technologiewechsel hin zu erneuerbaren Energien. Kohlekraftwerke produzieren im Grundlastbereich. Ihre Leistung ist kurzfristig kaum verringerbar. Das sei aber erforderlich, wenn unstete Mengen Strom von den geplanten Offshore-Windparks in der Nordsee ins Versorgungsnetz eingespeist werden.
Das Problem verschärfe sich mit CCS, da die CO2-Abspaltung ein chemischer Prozess sei, den man nicht nach Belieben anhalten könne. Die wesentlich leichter steuerbaren Gaskraftwerke passten deutlich besser zum Ausbau erneuerbarer Energien. Um den Anteil der Erneuerbaren auf 30 oder 40 Prozent auszubauen, müsse das Stromversorgungsnetz umgebaut, ein so genanntes „intelligentes Netz“ geschaffen werden, das es ermöglicht, Stromverbrauch, -transport und -produktion aufeinander abzustimmen. Dabei gehe es auch darum, so Ahmels, „Verbrauchsspitzen zu brechen“. Sinnvoll für die Steuerung der Stromverbrauche könnten Preisanreize sein. Ahmels: „In Zeiten, in denen weniger verbraucht wird, kann Strom billiger werden; in Spitzenlastzeiten wäre er teurer.“ Als Voraussetzung für ein intelligentes System müsste das Stromnetz ausgebaut werden.
So könnte eine sichere Versorgung trotz des beschlossenen Ausstiegs aus der Atomenergie und des Verzichts auf eine Vielzahl von Kohlekaftwerken gewährleistet werden. Dass nicht jeder über neue Strommasten in der Landschaft erfreut wäre, ist Ahmels bewusst: „Das ist eine Güterabwägung. Wir müssen da zu einem gesellschaftlichen Konsens finden.“
Ahmels wirbt für eine CO2-freie Stromproduktion durch erneuerbare Energien, die – anders als die CCS-Technik – das Zeug zum Exportschlager hätte. „In den meisten Ländern gibt es keine porösen Gesteinsformationen, in denen CO2 verpresst werden kann. Aber Wind weht überall.“
